Ren van Hirk

Der Buchladen

Der Buchladen

Es war an einem Donnerstag. Wochenmarkttag. Der Anhänger vom Fleischer aus der Nachbarstadt stand so vor der Tür, dass keiner es bemerkte. Auch am Freitag - einen Tag nach der Eröffnung - fiel es niemandem auf. Es hatte auch keiner damit gerechnet. Magazin des livres allemandes. Buchladen für deutsche Bücher. An einem Donnerstag hat Klaus eröffnet. St. Jean en Fôret. Sankt Johann im Wald. 1763 Einwohner, an der Landstraße D994 gelegen. Früher war es eine Route Nationale, jetzt war es ruhiger geworden an der Hauptstraße. Kirche, Mairie, Bäcker, Bestattungsunternehmer, Friseur, Bar Tabac mit Pferdewetten - und jetzt der kleine Laden für deutsche Bücher. Ins Dorf kamen nur wenige Touristen. Der Campingplatz lag im Nachbardorf, an dem kleinen See. Und die großen Supermärkte in der Stadt lockten eher zum Einkauf. Ab und zu parkte ein Pkw mit Wohnanhänger am Marktplatz - meist Holländer, die die Straßenkarte nicht lesen konnten. Vielleicht wäre es besser gewesen, Klaus hätte Landkarten verkauft. Und als besondere Dienstleistung diese auch wieder richtig zusammengefaltet. Aber nein. Er kam aus Henstedt-Ulzburg und verkaufte deutsche Literatur - in St. Jean en Fôret.

Es dauerte länger als eine Woche, aber dann hatte Jean-Claude - zweifelsfrei nach einem Marillenschnaps - seinen ganzen Mut zusammengenommen. Um halb elf betrat er den neuen Laden. Selbstsicher schaute er sich um, bis er Klaus hinten am Schreibtisch erkannte. Er ging zu ihm hin, rückte seine Mütze zurecht und sagte: 'Paris-Soir'. Er fragte nicht, er sagte, aber Klaus verstand nicht. Er wusste wohl, dass 'Paris-Soir' eine Zeitung ist. Aber warum der Dörfler diese bei ihm kaufen wollte, das wurde ihm in diesem Moment einfach nicht klar. Er schaute lange ausdruckslos auf Jean-Claudes dicken Bauch, dann wandte er die Augen verlegen zur Seite: "Desolée". Das wiederum drang nicht bis zu Jean-Claude durch. "Ausverkauft …?". Es war keine Kommunikation möglich. Nach einer Weile reagierte Klaus: "nein … äh, ja, äh, je ne sais pas …". Jean-Claude starrte auf das Regal, das etwa zur Hälfte mit Büchern gefüllt war. Bücher in einer Sprache, die er nicht verstand. Er starrte aus Höflichkeit noch einen Moment weiter, dann blickte er wieder kurz auf Klaus: "Salut, hein …" und ging. Das war der erste Nicht-Kunde.

Am nächsten Tag betrat niemand den Laden. Einige Kinder blieben nach der Schule vor dem Schaufenster stehen. Klaus hatte ein paar Bücher zur Dekoration hinein gelegt. Die Kinder lasen laut die deutschen Titel, ohne diese zu verstehen. Und dabei amüsierten sie sich und lachten laut: "'eiinrisch 'eine …". Madame LeFourre stand hinter ihnen - erst mit fassungslosem Gesicht, aber dann musste sie auch lachen. Sie kannte den ein oder anderen Namen der Schriftsteller, sie hatte die Namen mal gehört oder gar eine Geschichte in der französischen Übersetzung gelesen. Man war ja gebildet in St. Jean.

Sie ging auf ihn zu. "Vouzett allmann? …." Stille "Parlevu allma…" Klaus schaute sie an. Eigentlich war sie hübsch, aber er hatte keine Lust, Deutsch zu reden. "Non". Sie versuchte es weiter auf französisch bis ihr Reisegefährte sie unterbrach: "Schau mal …". Dann vertieften die beiden sich eine Weile in ein Buch, bis sie feststellten, dass es Zeit wäre weiter zu fahren. Klaus nickte leicht zum Abschied.

Zwei Tage später war eine schweizer Familie bei ihm im Laden, mit ihren zwei Töchtern. Klaus redete nicht viel mit ihnen. Aber wenigstens deren Französisch klang besser. Ein Buch kauften sie nicht.

Der Slapstick-Gag jedes Buchhändlers widerfuhr ihm im September. Wie im Film. Und man kann annehmen, dass es eingeübt war. Labrun vom Hof oberhalb des Dorfes kam in den Laden und fragte nach einem dicken Buch. Labrun war sehr klein und im Dorf machten alle Witze darüber. Aber er war wohl gelitten, und deshalb waren die Witze eher freundlich, und auch Marc Labrun konnte darüber lachen. "Plus grosse … n'avez pas?" Klaus fand einen Franz Werfel, Stern der Ungeborenen - die schöne Ausgabe - mit den Bildern. Labrun las den Titel, ohne ihn zu verstehen. "Combien?" Diese Frage brachte Klaus aus der Fassung. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Nicht dass er die Zahlen nicht konnte - es war nur: Er hatte in den 12 Wochen in St. Jean noch kein einziges Buch verkauft. Und wahrscheinlich auch vorher in seinem Leben nicht. "C'est un peu cher…" - "Pas probleme…". Sie einigten sich auf 45 Franc. Klaus fand nach langem Suchen etwas Wechselgeld. Labrun nahm das Buch stolz und ging zu seinem Traktor, den er direkt vor dem Laden geparkt hatte. Etliche der Bauernjungs standen am Brunnen und schauten zu. Labrun nahm das Buch und legte es auf den Sitz des Traktors. Und dann setzte er sich darauf. Und dann machte er deutliche Gesten, dass er jetzt endlich bequem ans Lenkrad käme. Alle lachten, alle, außer Klaus, der die Szene durchs Fenster beobachtete. Labrun fuhr vom Platz. Klaus machte für den Rest des Tages dicht.

Am 5. Oktober beschloss Madame Granier, Lehrerin an der Schule in Roche sur Virese, mit der 12. Klasse im Deutschunterricht Schiller zu lesen. Und dafür brauchte sie 17 Ausgaben von 'Die Räuber'. Sie betrat den Laden am nächsten Montag, früh um zehn. Klaus hatte gerade aufgeschlossen und sich zu seinem Lesetisch begeben. "Monsieur … bonjour …" Nach einem kurzen Moment der Stille schaute Klaus auf: "Madame ….". Sie schilderte ihr Anliegen. Da er nun doch mal die Deutsche Buchhandlung sei, könne er doch bestimmt … "Madame, c'est un probleme". "Aber heutzutage könne man doch …" - "Madame, je crois que …". "Also 17 Exemplare" - ob es wohl bis nächsten Montag zu schaffen sei. Klaus schaute sie an: "Madame, les livres sont …". Sie verließ selbstbewusst den Laden. Es würde nicht teuer werden und der Verrückte muss ja auch irgendwie Geld verdienen. Klaus hatte zwei Wochen wegen Krankheit geschlossen. Die 12. Klasse des Lycee Marie Curie in Roche las stattdessen Bertolt Brecht. Das Departement hatte für alle Schulen eine Sammelbestellung organisiert. Brecht im Hunderter-Pack war erschwinglich.

Im Winter wurde es kalt in St. Jean. Der Duft von verbrannten Tannenholz lag in der Luft. Immer öfter wurden die Bewohner vom Schneepflug geweckt, der die Departementale lang schabte. Das Schaufenster des Deutschen Buchladens war beschlagen. So beschlagen, dass es Mühe machte, zu erkennen, dass es sich um einen Buchladen handelte. Aber das fahle Licht im Fenster zeigte, dass der Laden geöffnet war. Alle anderen Läden zeigten stolz die Weihnachtsdekoration und über der Hauptstraße brannten die elektrischen Kerzen. Am Tag vor Weihnachten hängte Klaus ein kleines Schild in die Tür, auf dem er den verehrten Kunden mitteilte, dass er bis zum 3. Januar geschlossen haben würde. In dringenden Fällen dürfe man aber klingeln. Im Februar hat er nachweislich ein Buch verkauft. Die Geschichte ist etwas kompliziert. Antoinette vom Hof unten am Bach, Pre Bergere, hatte nach Deutschland geheiratet, einen Ingenieur. Sie hatte lange in Duisburg gewohnt, aber wie das Leben spielt, alles ging in die Brüche. Sie hatte zwei Töchter und beide nahm sie mit nach Spanien. Die Jüngere, Marie, lernte dort einen Schweizer kennen, aus Lausanne, mit dem sie ins Tessin gezogen war … und so weiter. Auf jeden Fall wollte Marie irgendwann das Dorf ihrer Großeltern sehen. Und da sie zweisprachig aufgewachsen war und das Deutsche mochte, fiel ihr sofort der Laden auf.

Verwundert trat sie ein. Sie hatte zu Recht nicht mit einer deutschen Buchhandlung im Dorf gerechnet. Sie blickte sich still um und wahrscheinlich nahm Klaus sie lange Zeit überhaupt nicht wahr. Nach einer Weile hatte sie zwei Bücher gefunden, die ihr interessant erschienen. Klaus sagte, dass er von den Autoren noch andere Bücher besorgen könne. Das nächste mal vielleicht. Sie wurde unsicher. Klaus zeigte ihr die modernen Sachen - die aus den letzten Jahren. Sie hatte die Namen nie gehört. Schließlich entschloss sie sich für eines der Bücher und bezahlte es. Am nächsten Tag war das Fenster neu dekoriert.

Es war Dienstag, kein Wochenmarkt. Die Neueröffnung wurde im Dorf gefeiert. Es wurde auch Zeit, dass ein neuer Friseur öffnete. Es war jetzt schon 3 Monate her, dass der alte Lebois gestorben war. Alle mussten immer ins Nachbardorf. Jetzt hatte ein junger Barbier aus Roche sich getraut, den Laden zu öffnen. Man sagt, ein Mädchen aus dem Dorf wäre nicht ganz unschuldig daran gewesen.

Was aus Klaus geworden ist, weiß niemand.