Ren van Hirk
Die CD
Die CD
1
Das Treffen findet unter einer Autobahnbrücke statt. Naja, nicht ganz: ein Autobahnparkplatz. Aber es ist dunkel, neblig, einsam, kurzum: verschwörerische Atmosphäre. Ich kann nicht mehr sagen, mit wem oder was ich gerechnet hatte, aber seine Erscheinung verwundert mich. Unauffällig, etwa älter, wahrscheinlich verheiratet, zwei Kinder, normal eben. Er kommt auf mich zu, ich stehe in der verabredeten Parkbucht und warte. Er kommt nach einem kurzen "'n Tag" gleich zur Sache.
"Sehen Sie diese CD hier? Die wollen Sie kaufen!"
"A-ha"
"Darauf sind Sie. Ihre Gedanken. Alles, was Ihnen in den letzten 5 Jahren durch den Kopf gegangen ist."
Jetzt weiß ich, dass ich einen Spinner vor mir habe.
"Ich hab nur ein bisschen reingeschaut. Das übliche halt: was Sie über ihren Chef denken, dass ihnen ihr Nachbar auf den Geist geht, wie Sie etwas an der Steuer sparen können …"
Mir wird unwohl.
"… na gut, sie denken über die Steuer nach, nur so ein richtig guter Ausweg ist ihnen noch nicht eingefallen."
Er grinst.
"Ist aber noch mehr drauf. Zum Beispiel die junge Verkäuferin in der Bäckerei. Mensch, die ist doch noch keine 18, erstes Lehrjahr. Jetzt reißen Sie sich doch mal zusammen. Na ja, können Sie alles kaufen. Alles auf dieser CD. Wie gesagt: ihre Gedanken."
"Das mit der Verkäuferin stimmt gar nicht. Sie wollen nur, dass ich ihre blöde CD kaufe."
Er grinst mich an.
"Wir werden uns schon einig werden. Sie sollen ja finanziell nicht ausbluten. Aber meine Arbeit muss ich mir natürlich honorieren lassen. Also?"
"Warum soll ich meine Gedanken kaufen? Meine eigenen Gedanken. Die habe ich doch schon! … gehabt …Sagen Sie es mir: Warum?"
Er grinst.
Wir werden uns nicht einig. Wütend fahre ich nach Hause. Was für ein Idiot. Glaubt er wirklich, dass … Langsam wird mir klar, dass ich einen Fehler gemacht habe.
2
Sie kommen immer früh am Morgen. Nein, ich habe es noch nicht selbst erlebt, aber ich weiß das aus all diesen Fernseh-Dokumentationen. Morgens, wenn man sich nicht wehren kann. Halb Fünf.
"Aufmachen" - wildes Geklopfe und Geklingele - "Aufmachen, Herr van Hirk, sind Sie da? Aufmachen, Polizei"
Ich kann die Wohnungstür noch retten, indem ich sie öffne, bevor sie eingetreten wird. Dann stürmen sie herein, vier Mann, alle in Zivil. Wegen der Nachbarn, sagen sie mir später.
"Herr van Hirk, es liegen einige strafrechtlich eventuell relevante Verdachtsmomente gegen Sie vor, ich darf Sie bitten, uns zu begleiten.
Ich bin überrascht und sprachlos. 'Bitten' ist als Art der Aufforderung hier unangebracht. Sie nehmen mich einfach mit. Ohne Zahnbürste, dafür sehr unsanft. Unten auf der Straße stehen zwei Reporter mit Foto und Blitzlicht und Videokamera. Anscheinend hat den beiden ein gut informierter Insider einen Tipp gegeben. Ich werde in ein Fahrzeug gesetzt und weggebracht.
Etwa drei Stunden warte ich in einem fensterlosen, schmucklosen Büro. An den Wänden Regale mit Akten aus dem letzten Jahrhundert. So scheint es. Ich höre die Geräusche auf dem Gang und in den Nachbarbüros. Die Tür ist verschlossen.
Endlich wird aufgeschlossen und ein junger Mann in Zivilkleidung kommt in das Büro.
"Tut mir leid, dass Sie solange warten mussten." Er setzt sich mir gegenüber auf einen Hocker. Einen Tisch gibt es nicht. Ich grinse bitter.
"Ist schon o.k. Was liegt denn gegen mich vor?" Ich versuche, entspannt zu wirken.
Er hält eine CD in der Hand. Ich glaube, ich erkenne das kleine Ding wieder. CDs sehen zwar alle gleich aus, aber irgendwie ahne ich plötzlich, was jetzt kommt.
"Herr van Hirk, der Staat musste leider viel Geld ausgeben, um an einige Daten über Sie heranzukommen."
Mein Mund steht sprachlos offen. Das bleibt auch so.
"Sie verstehen, dass wir, soweit das im Rahmen strafrechtlicher Ermittlungen möglich ist, versuchen müssen, diese Investition wieder hereinzuholen."
Pause
"… um ein mehrfaches! Schau'n Sie, Herr van Hirk, auch der Staat muss wirtschaftlich denken. Bevor ich jedoch in die Details gehe, will ich ihnen jetzt noch die Möglichkeit der Selbstanzeige einräumen."
Ich bin weiterhin sprachlos.
"Das Strafmaß könnte dann entsprechend milder ausfallen. Leider ändert dies natürlich nichts an ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber unserem Staat. Bezahlen müssen Sie auf jeden Fall."
Kurze Pause.
"Da Sie diese Chance nicht nutzen wollen, werde ich ihnen jetzt mal die nächsten Schritte erklären. Das Finanzamt hat selbstverständlich alle ihre Überlegungen, das Steuerrecht auszuhebeln bereits erhalten. Die Kollegen setzen sich demnächst mit ihnen in Verbindung. Dann haben Sie sich in ihren Gedanken ja doch über eine ganze Menge Personen abfällig geäußert. Wir machen das inzwischen so, dass eine von uns beauftragte Kanzlei - Sie wissen ja, Outsourcing, hahaha, - also diese Kanzlei wird all diese gedanklich geschädigten Personen kontaktieren und diese dann über ihre Rechte auf finanzielle Forderung ihnen gegenüber aufklären. Der Staat bekommt hier jeweils 1% der Entschädigungssumme - wirtschaftlich denken, hahaha. Ihr Chef weiß Bescheid, aber das haben Sie sich sicher schon gedacht. Das Kündigungsschreiben müsste gleich da sein. Meine Güte, wie kann man auch nur so blöd sein, das alles zu denken. Na gut, was liegt noch an, ach so ja, die Kraftfahrzeugbehörde. Sie haben sich gedanklich über viele Autofahrer abfällig geäußert. Das kostet natürlich Geld, die alle ausfindig zu machen. Die Rechnung geht an sie."
Pause.
"Tja, Herr van Hirk, was soll ich sagen, die Kollegen kommen gleich noch zur erkennungsdienstlichen Behandlung. Natürlich haben wir ihre Passwörter für die wenigen online-Dienste, die Sie nutzen, aber zum zukünftig optimaleren Monitoring ihrer Gedankenwelten brauchen wir noch ein paar Daten, Enzymverhalten, Stoffwechselschwierigkeiten und so. Dauert aber nicht lange. Sie bleiben danach sowieso erst mal hier. Freut mich, Sie kennen gelernt zu haben, schönen Tag noch."
3
Ich bin draußen. Nach acht Wochen war die Strafe abgesessen. Der Richter hat bei der Entlassung gelacht. "Na, Sie sind ja ganz gut weg gekommen dabei, was glauben Sie, was andere so denken - unverantwortlich." Wir haben uns beim Abschied gewünscht, uns nicht wiederzusehen.
Nun muss ich ja noch diversen finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Mein Sachbearbeiter für Wiedereingliederung hatte auch gleich eine passende Arbeitsstelle für mich. Ich arbeite jetzt bei 'Thought Controll'. Dieses lästige Aufkaufen von CDs mit gestohlenen Daten konnte ja so nicht weitergehen. Unser Staat hat, weitsichtig wie er ist, auch diese Dienstleistung längst an eine Drittfirma outgesourct. Hier darf ich jetzt arbeiten. Wenn ich einen guten Deal unterstützen kann, bekomme ich sogar noch einen Bonus zum Gehalt.
'Thought Controll' (mit Doppel-El, wie mein Chef immer witzelt) kauft CDs und DVDs aus zwielichtigen Quellen. Oft sind frustrierte Bankmitarbeiter unsere Zulieferer, aber auch bei medizinischen und sozialen Einrichtungen fallen immer wieder kleine personenbezogene Datensammlungen an, die der ein oder andere verschuldete Mitarbeiter gerne vergolden möchte. Mein Arbeitsplatz ist sicher. Ich sichte die Daten, prüfe, ob der Ankauf lohnt und frage schon mal prophylaktisch bei den entsprechenden Behörden an, ob sie gegen das Datenzentrum (so heißt bei uns die ausspionierte Person) vorgehen wollen. Zusammen mit dem Finanzheini aus dem Büro nebenan legen wir dann den Kaufpreis fest. Vom Staat bekommen wir 1% der Forderungen, die die verschiedenen Ämter aufstellen können. Und das Schönste an meinem neuen Job ist: endlich darf ich denken, was ich will.