Ren van Hirk
Erfolgsbeteiligung
Erfolgsbeteiligung
Er ist ein guter Freund und er ist mein Berater. In Finanzdingen und in allen Lebenslagen hat er mir immer zu meinem Besten geraten. Wie versichern, wo versichern, gegen was versichern, und: Steuern sparen.
Eines Abends, in Bier- und später auch in Schnapslaune, kommt er mit einem Vorschlag: "Du kannst etwas verkaufen, was du eh nicht brauchst". Viele Sorgen und wenig Geld - das ist der Nährboden, auf den dieser Vorschlag fällt.
Neugierig bin ich sofort, und auch mein erstes stilles Einverständnis lässt nicht lange auf sich warten. Klar, ich verkaufe alles, was ich nicht mehr brauche.
Im Laufe der nächsten Wochen treten wir in Verhandlungen ein. Mein Berater-Freund forciert dieses Thema sehr. Immer wieder fängt er damit an. Und die Aussicht auf unverhoffte Einnahmen ist der Grund für meine Zustimmung. Lange lässt er mich im Unklaren, was ich denn nun verkaufen solle, und an wen - das darf ich überhaupt nicht erfahren.
Das Treffen findet in der Dämmerung statt. Mein Berater-Freund in seinem teuren, abgetragenen Jacket, die Designer-Jeans und die rot-gestreifte Krawatte vor dem weißen Hemd. Etwas nervös ist er, aber das wird mir erst viel später bewusst. Der Kunde wartet bereits.
Der Handel ist schnell gemacht. Ich verkaufe dem Teufel meine Seele, und bin alle Sorgen los. Was soll ich mit dem ollen Ding auch noch. Der Abend scheint gerettet, ich gehe los.
Nach ein paar Schritten bleibe ich doch stehen. Mein Berater-Freund und mein Kunde tuscheln. Obwohl Tuscheln nicht ganz den Gesprächston trifft. Aus den leisen, unverständlichen Gesprächsfetzen werden Sätze, die bis zu mir durchdringen.
"So war es abgemacht."
Der Herr Teufel lächelt milde: " … jaaa."
"Meine Erfolgsbeteiligung", fordert mein Berater-Freund, "du hast es versprochen.".
Zur Antwort bekommt er wieder ein mitleidiges Lächeln.
"Du hast gesagt, ich kann mich auf dich verlassen."
"Auf den Teufel kannst du dich immer verlassen." Der Herr Teufel strahlt durchaus Autorität aus.
"Also … was bekomme ich?"
"Was soll ich dir geben? Willst du einen Anteil von seiner Seele?"
Mein Berater-Freund ist still. Er hatte wohl an materiellere Dinge als Entlohnung gedacht.
"Ich lebe davon, dass meine Kunden mir einen Anteil abgeben, das weißt Du." Mein Berater-Freund scheint nicht gerade in einer guten Verhandlungsposition zu sein. "Ich fordere meine Erfolgsbeteiligung!"
"Sind Nullkommafünf Prozent von seiner Seele genug?" Der Herr Teufel kann sehr dämonisch grinsen.
"Was soll ich mit dieser blöden Seele?" Ich überlege, ob ich das Freund hinter Berater vielleicht doch irgendwann streichen werde. "Ich brauche keine Seele, dafür kann ich nix kaufen, in meiner Welt zählt immer noch Geld." So kenne ich meinen Berater-Freund.
"Willst du eine andere Seele? Ich habe genug davon, ganz viele, alle Farben." Ich schaue erstaunt auf, mein Berater blickt geschockt auf den Boden. Nicht ganz sein Metier, in dem er da agiert. "Von anderen Seelen kannst du einen größeren Anteil haben, wie wäre es mit 25 Prozent von diesem …"
Ich stehe und höre aufmerksam zu. Die beiden nehmen mich nicht wahr. Für den Teufel sind seelenlose Wesen wie ich uninteressant, mein Berater hat jetzt andere Sorgen, als sich um seinen Freund zu kümmern.
Einen Vertrag gibt es anscheinend nicht. Die beiden verhandeln. Der Herr Teufel sehr höflich, aber bestimmt. Mein Ex-Berater fordernd, langsam verzweifelnd. Ich erinnere mich, die Geschäfte gingen schleppend in der letzten Zeit, jaja, die Krise … Wer Geld braucht, braucht keine Seele. Der Herr Teufel braucht wohl kein Geld, aber er ist sehr geizig damit.
Er macht meinem Ex-Berater einen Vorschlag: "Du willst also deine Sorgen auch loswerden?"
Zustimmendes Kopfnicken.
"Verkauf mir doch auch deine Seele. Statt lächerliche Nullkommafastnichts Erfolgsbeteiligung zu bekommen bist du dann einhundert Prozent Sorgen los."
Mein Ex-Berater könnte jetzt etwas Beratung gebrauchen. Es ist nicht sein Metier, in dem er agiert.
Ich könnte ihm ja von meinem jetzt sorgenfreien, seelenlosen Leben erzählen, aber er wird mich nicht hören.
Es scheint nicht, als ob der Herr Teufel je eine Erfolgsbeteiligung ausgeben wollte. Es scheint jetzt eher, dass der Herr Teufel einfordert. Materielle Angebote, die jetzt von dem Ex-Berater gemacht werden, lehnt der Herr Teufel freundlich, aber bestimmt ab. Mir scheint, eine weitere Seele wird heute nacht noch den Besitzer wechseln.
Sie brauchen mich nicht mehr. Ich glaube, ich kann jetzt gehen.