Ren van Hirk
Idee am Freitag
idee am freitag
am freitag beschloss ich, schriftsteller zu werden. und da ich ein mann der tat bin, setzte ich den entschluss auch sofort um. ich ging an meinen schreibtisch, schaltete den computer ein und begann, zu schreiben.
zuerst schrieb ich die geschichte von dem kleinen jungen auf, der einen neuen planeten entdeckt hatte. keiner glaubte ihm und er konnte auch keinen namen für seinen planeten finden. aber das mädchen aus dem nachbarhaus, das immer mit dem hund der eltern auf die straße musste, hatte eine rettende idee … und so gab es ein happy-end.
ich dachte, ich sollte nicht nur kinderbücher schreiben und so erzählte ich die geschichte von den beiden schwestern, beide im hohen alter, die einen teuflischen plan mit ihrem nachbarn ausheckten. er sollte auf mysteriöse weise verschwinden und sein haus sollte an eine katzenfamilie vererbt werden.
ich schrieb ein drama in drei akten, das im bürgerlichen milieu angesiedelt ist und in dem geld eine nicht unerhebliche rolle spielt. drei bis vier gedichte, in denen sich alles um die liebe, venedig und den nebel dreht.
ich schrieb jeden tag, wie das ein ordentlicher schriftsteller so macht, morgens um sieben aus dem bett, kaffee, computer an und los geht es: nächste geschichte.
am mittwoch hörte ich ein brummen. es kam von unterhalb meines kopfes. nach einigen minuten wurde mir klar: der magen. und die nächste schlussfolgerung: ich habe hunger. ein unpassender moment. ich war gerade dabei, diese novelle zu beenden, die im wesentlichen die geschichte von drei generationen einer tee-plantagen-besitzer-familie im imperialen indien nachzeichnete. nach einigen stunden ging ich widerwillig zum kühlschrank. die überraschung war nicht sonderlich groß. wie erwartet fand ich senf, einen gebrauchten kaffeefilter, die schlankheitströpfchen einer längst verflossenen freundschaft und eine halbe flasche alkoholfreies bier. blieb also nur ein ausweg: supermarkt.
an der kasse werfe ich schlauerweise noch einen blick in den lederbeutel, der zumindest früher immer etwas kleingeld beinhaltete. heute leider nicht. achselzucken, verzeihung, kein einkauf, mit leerer tüte nach hause.
nachdenken
klar! die lösung: ich muss die geschichten verkaufen. zweiundzwanziguhrneunzehn. also morgen. ich schreibe noch schnell den fiktiven reisebericht der dreiundzwanzig jahre alten studentin der japanologie, die auf eigene faust südostasien erkundet. irgendwo muss ein schriftsteller sich ja austoben dürfen.
am nächsten morgen also zur lokalzeitung. guten tag, ich schreibe bücher, wollen sie eins kaufen. der pförtner schickt mich in den dritten stock. wieder mein spruch. guten tag, ich… haben sie denn etwas dabei? … nein, aber ich schreibe ihnen schnell was … ein drama? oder lieber eine komödie? ein filmdrehbuch! drehbücher zu imaginären filmen sind ganz groß im kommen … er sagt, die zeitung verkauft keine bücher, ich solle mich an einen verlag wenden, am besten an einen modernen, jungen verlag, der nach neuen talenten sucht. zum dank hinterlasse ich ihm ein gedicht.
verlag … nicht in meiner kleinen stadt … also los, ab nach berlin … großstadt.
beim reisen per anhalter bin ich wohl keine gute gesellschaft. es war sehr unpassend, beim lkw-fahrer in der kabine die geschichte von den beiden schwulen hundezüchtern zu schreiben … zumal dies eine geschichte ohne happy-end wurde. kann ja nicht immer. auch der junge student, der mich dann mitnimmt, wird in meiner gesellschaft nicht glücklich. ich verstehe einfach zu wenig von organischer chemie, um hier sinnvoll eine unterhaltung führen zu können.
der verlag. ich gehe die große treppe hinauf. sie werden meine geschichten kaufen, alle. und dann hört auch dieses brummen im magen auf. hoffe ich.
die dame am empfangstresen ist verwirrt. versteh’ ich nicht. hier müssen doch jeden tag hunderte von ideenreichen, talentierten, jungen wilden autoren und autorinnen anklopfen und ihre wunderwerke abliefern.
hmm, herr schmidt-kleinwort ist gerade in einer besprechung, und frau medenthal ist in urlaub … und sie haben keinen termin? nein. hmmm. warten sie mal.
nach vielen stunden bin ich keinen euro reicher, aber um viele illusionen ärmer wieder auf dem heimweg. zu hause, in meiner stadt, treffe ich auf der straße meinen alten kumpel werner. "meine tante ist so krank, sie kann nur noch im bett liegen. ich wünschte, ich könnte ihr gesellschaft leisten. irgendjemand müsste ihr einfach nur vorlesen, irgendwelche geschichten … nur, dass sie nicht so alleine ist". mach ich, sach ich.
am ersten abend habe ich tante katharina meine ersten zwei bücher vorgelesen. sie ist eine dankbare zuhörerin. als ich fertig bin, sagt sie: "geh zum kühlschrank, nimm dir ein bier und eine semmel."
das brummen im bauch hat aufgehört.