Ren van Hirk
Interview am Strand
Interview am Strand
Der Bildschirm wird vom Logo des TV-Senders verdeckt, dann verkleinert sich das Signet, nachdem es noch ein paar lustige Kapriolen gemacht hat, in die linke obere Ecke des Bildes. Entspannende Musik, Hawaii-Gitarren. Man sieht blaues Meer. Die Kamera schwenkt langsam nach rechts, ein Sandstrand kommt ins Bild.
Am Strand steht im Jacket, hellblauem Seidenhemd und Bermuda-Shorts der sympathische und bekannte Fernsehmoderator Jean Kormer. Die Kamera zoomt auf ihn zu.
"Guten Abend, meine Damen, meine Herren, sehr verehrtes Publikum, willkommen zu unserer Show 'Privates Pech'. In der ersten Folge begrüße ich Sie von einem der herrlichsten Strände in der Südsee. Tahiti liegt sozusagen um die Ecke, auf den Nachbarinseln, nur ein paar hundert Seemeilen entfernt, können Sie die aufregendsten Taucherlebnisse buchen, die es auf dem Touristikmarkt zu kaufen gibt."
Die Kamera schwenkt langsam über die Insel. Man sieht Sand, und - nach einer Weile drei Palmen. Dann wieder Sand. Dann das Meer. Man hat die Insel gesehen. Jetzt zeigt die Kamera wieder Jean.
"Auf dieser Insel hier finden wir immerhin einen wunderbaren Sandstrand - und - drei Kokosnüsse."
Jetzt läuft der eigentliche Vorspann der Serie. "Privates Pech" - von und mit … Kleider freundlicherweise zur Verfügung gestellt von … Jean Kormer benutzt ein After-Shave von … dazu aufreißerische Musik.
Jean wieder in der Totale: "Unser Motto ist: 'Wir zeigen, was Sie nicht erleben wollen'. Heute werden wir mit Markus Kehlmüller sprechen. Er wird in wenigen Minuten hier ankommen … aber sehen Sie selbst."
Die Kamera zeigt das Meer. In der Ferne sieht man den Rumpf eines Flugzeuges, anscheinend Trümmer eines Absturzes. Wrackteile schwimmen im Wasser, ein Teil der Bordküche mit Kühlschrank hat den Absturz unbeschadet überlebt. Die Kamera zeigt Details, man sieht die kreisförmigen Wellen, die von den Rotorblättern des Hubschraubers aufgepeitscht werden. Die Kamera schwenkt zum Horizont und man sieht wieder die einsame Insel mit dem Moderator am Strand.
Wenige Meter vor dem Strand erkennt man einen Menschen. Er macht gelegentlich Schwimmzüge, wirkt aber sehr entkräftet. Bekleidet mit einem bunten Hemd und einer zerrissenen Freizeithose kämpft er sich zum Strand durch. Nach zwei, drei Minuten, in denen die Kamera den Kampf des Verunglückten verfolgt, erreicht er endlich den Strand und bleibt erschöpft liegen.
Werbepause (einmal Eigenwerbung des Senders, ein neuer Müsliriegel, ein Erfrischungsgetränk, ein Schauspieler gegen AIDS und wieder zweimal Eigenwerbung des Senders).
Jean Kormer am Strand: "Unglaublich, liebe Zuschauer, aber er hat es geschafft. Wir haben es selbst kaum für möglich gehalten, aber Markus - Markus Kehlmüller - hat es geschafft. Er hat die Insel gerade noch erreicht. Aber hören Sie selbst:"
"Markus, herzlichen Glückwunsch, du hast es geschafft …"
Der Verunglückte liegt leblos am Strand.
"Markus, kannst du mich hören?"
Der Gestrandete blickt kurz nach oben in die Kamera. Er sieht sehr müde aus. Sein Kopf fällt in den Sand, er scheint zu schlafen.
"Markus, unsere Zuschauer wollen von dir hören, was passiert ist. Und wie es dir ergangen ist. Woher nimmst du die unglaubliche Kraft, bis hierher auf diese unbewohnte, einsame Insel zu schwimmen?"
Markus schaut müde und verzweifelt in die Kamera.
"Liebe Zuschauer, ich fasse kurz zusammen, was bis jetzt passiert ist: Markus war im Urlaub. Drei Wochen in der Südsee: Tauchen, Entspannen … alles was dazu gehört. Gestern bestieg er das Flugzeug zur Heimreise. Flug 1402 nach Berlin. Aber es kam anders als erwartet."
Man sieht Archivbilder von explodierenden und abstürzenden Flugzeugen.
"Flug 1402 sollte nie in Berlin ankommen. Aus bisher ungeklärter Ursache stürzte das Flugzeug letzte Nacht etwa fünfzig Seemeilen entfernt von hier in den friedlichen Stillen Ozean. Der letzte Funkspruch des Piloten führt zu der Annahme, das irgendetwas mit dem Flugzeug kollidiert ist. Nur ein Passagier scheint das Unglück überlebt zu haben und er ist heute hier bei uns live in der Sendung, meine Damen und Herren: Markus Kehlmüller aus Berlin-Reinickendorf."
Markus liegt völlig erschöpft am Strand, die Wellen berühren seine Füße, er blickt in den blauen Himmel: "Wasser".
"Gleich Markus, gleich, erzähl unseren Zuschauern von deiner Rettung. Wie hast du es geschafft, hier anzukommen?"
"… der Kühlschrank …"
"Genau, liebe Zuschauer. Wie Sie vorhin gesehen haben, sind in so einem Flugzeug auch Teile eingebaut, die sehr viel vertragen, die Bordküche zum Beispiel."
" … es war mitten in der Nacht … stockdunkel … ich kann ja schwimmen, aber …"
"Ja, liebe Zuschauer, nach ein paar Stunden im Stillen Ozean kann einem schon mal die Puste ausgehen. Markus, da war also dieser Kühlschrank?"
"…. ja, ich hab mich dran festgehalten, ich war so froh, mal verschnaufen zu können, eine kurze Pause …"
Jean lacht: "Markus, war denn wenigstens noch ein Bier in dem Kühlschrank?"
"…"
Die Kamera schwenkt wieder über das Meer, zeigt die Palme mit den drei Kokosnüssen.
"… nein … aber es war noch tiefgefrorenes Mittagessen drin … Hähnchen mit Curryreis."
"Markus, das war vielleicht für lange Zeit deine letzte Mahlzeit, hier gibt es ja nicht so viel, nur die drei Kokosnüsse … und die musst du erstmal ernten und aufschlagen."
"… ja … ", der Verunglückte schaut mit müden Augen in den Himmel, " ja … ".
"Verehrte Zuschauer, wie wird Markus Kehlmüller das schaffen? Stimmen Sie mit ab - wird er überleben. Wählen Sie die Telefonnummer, die - JETZT - am Bildschirm eingeblendet wird. Wählen Sie die Eins für "Ja, er wird es schaffen" oder wählen Sie die Zwei für "Nein, keine Chance". Aus den Anrufern ermitteln wir einen Gewinner. Ihr Preis: eine Woche Südseeurlaub und Tauchkurs." Und jetzt eine kurze Pause.
Werbepause (Eigenwerbung für den nachfolgenden Film, einmal Eiscreme, einmal Last-Minute-Urlaub, einmal Tiefkühl-Spinat und wieder Eigenwerbung für den Film nach der Sendung).
"Herzlich willkommen zurück zur Sendung 'Privates Pech - Wir zeigen, was Sie nicht erleben wollen.' Meine Damen und Herren, Markus aus Berlin liegt hier nach einem schrecklichen Unglück vollkommen erschöpft am Strand einer idyllischen, aber leider unbewohnten Insel mitten im Stillen Ozean."
"Markus, erzähl unseren Zuschauern doch bitte etwas genauer, was passiert ist heute nacht."
"… Fernsehen … häh … ach so, ja, letzte Nacht … also plötzlich flog halt alles durcheinander, meine Sitznachbarin hat nur geschrien … ich bin im Fernsehen?"
"Aufregend, meine verehrten Zuschauer, nicht wahr, hoffen Sie nicht alle, dass Ihnen so etwas nie passiert? Markus, wie ging es dann weiter?"
"… im Fernsehen, mann-oh-mann-oh-mann … ja …"
"Markus?"
"Ach so, ja, na ja, irgendwann war ich im Wasser, weiß gar nicht, wie ich dahin gekommen bin, ging alles so schnell, und die süße Stewardess, wo ist die eigentlich geblieben? … ach meine Kamera, ich wollte doch noch ein Video drehen, wie die Alte vor mir den Gang lang gerutscht … ach, egal, ist ja wohl alles egal jetzt, alles futsch, die Kamera, alles weg."
"Markus, wahrscheinlich bist du der einzige Überlebende. Sens-TV ist natürlich sofort an der Unfallstelle gewesen. Unser Helikopter hat nachts bereits einen großen Umkreis um die Wrackteile abgesucht, aber du bist der einzige ehemalige Flugzeuginsasse, der die Chance bekommen hat, zu Millionen Menschen auf der Welt zu sprechen und von seinem Unglück zu erzählen."
"Haben Sie was zu trinken?"
(zu den Zuschauern) "Er ahnt es noch nicht, aber das Leben als Überlebender ist sehr hart und entbehrungsreich."
(zu Markus Kehlmüller) "Aber hör mal, du bist auf einer einsamen Insel, du wirst schon auf die Suche gehen müssen, vielleicht entdeckst du ja eine Quelle. " - Die Kamera zeigt den trostlosen Strand mit den drei Palmen, eine trägt drei Kokosnüsse - "… und einen idyllischen See mitten im tropischen Urwald. Überall die Mangos und die Papayas an den Bäumen. Wie Robinson, die Geschichte kennst du doch, lief doch erst letzten Monat bei uns zur Prime Time."
"Wie? … ja … ja … Robinson … da gab's doch auch KitchenTV - Kochen im Knast." Stille. Er blickt mit erschreckten Augen in die Kamera. "Ist das jetzt schlimm, ich meine, hab ich was verkehrt gemacht, was Verkehrtes gesagt?" Stille. Man sieht den Moderator, wie er still in die Ferne zu den Flugzeugtrümmern blickt. "Mann, bloß weil ich einmal - EINMAL - den anderen Sender geguckt hab' … Das kriegen wir doch wieder hin, oder?"
"Markus Kehlmüller aus Berlin-Reinickendorf, Sie sind als einziger Überlebender einer schrecklichen Flugzeugkatastrophe hier auf diesem Eiland gestrandet - was wollen Sie jetzt tun?" (Jean wendet das Gesicht in die Kamera, an die Zuschauer) "Sie zu Hause, meine Damen und Herren, entscheiden Sie, was soll Markus jetzt tun. Für den besten Vorschlag winkt ein Preis von einhundert Handy-Minuten aus dem Ausland, rufen Sie jetzt an."
Werbepause (Eigenwerbung für ein Nachrichtenmagazin des Senders, wieder der Tiefkühl-Spinat, das neue Album eines Gangsta-Rappers, das sich offensichtlich schlecht verkauft und wieder Werbung für die nachfolgenden Sendungen).
"Markus, hier bei uns im Studio gehen bereits die Vorschläge für dein künftiges Leben ein. Ein Heiratsantrag war auch schon dabei …"
Markus schaut mit müden Augen in die Kamera.
"… aber verrate du uns doch einmal, was sind jetzt deine Pläne?"
Markus schaut sich auf der Insel um, er entdeckt die Palmen. Er zeigt auf die Kokosnüsse. Langsam versucht er dorthin zu robben, aber er bleibt kraftlos liegen.
"Meine sehr verehrten Gäste zu Hause am Bildschirm, wie wird es weitergehen? Verfolgen Sie mit uns morgen früh zum Breakfast-TV das Überleben des Markus K. Wird er die Kokosnüsse erreichen - und (schelmisches Grinsen) - wird er eine öffnen können. All das und die Gewinner des heutigen Abends morgen früh bei Sens-TV. Bleiben Sie dran."
Ein Blick in die Augen der Zuschauer, dann dreht sich Jean, der beliebte Fernsehmoderator um. Eine Strickleiter schwebt ins Bild, man sieht den Helikopter mit dem Logo des Senders. Jean hangelt sich ins Cockpit und winkt den Zuschauern zu, während der Helikopter entschwebt.
Die Kamera zeigt die untergehende Sonne über der Südsee, von oben sieht man eine kleine einsame Insel mit drei Palmen, drei Kokosnüssen, einem Überlebenden und viel Strand.