Ren van Hirk

Kartenspiel

Kartenspiel

Vor mir an der Kasse steht ein älterer Herr und ein Pärchen, beide so um die zwanzig. Der ältere Herr kauft ein Herrenoberhemd, blau, Baumwolle. Ich erkenne das, da ich dieses Modell auch gerade geprüft und in Erwägung gezogen habe.
"Haben Sie unsere Kundenkarte?"

Der ältere Herr überlegt einen Moment, "… ähh, ja, Moment".
Er durchsucht die Manteltaschen, dann die Hosentaschen, bis er ein kleines Lederetui hervorholt. Er findet die Kundenkarte und reicht sie stolz der Kassiererin. Die Dame an der Kasse nimmt die Karte und zieht sie über den Kartenleser. Einen kurzen Moment lang passiert nichts.

"Diese Karte ist leider von unserer Filiale in Grünstadt, wir können die Karte hier nicht einlesen …"

"Ähhh … ja … was heißt das?"

"Leider können wir ihnen hier nicht den Kundenrabatt gewähren."
Ein hilfloses, aber bestimmtes Lächeln unterstreicht die Aussage.

"Sie können das Hemd natürlich bar bezahlen und später eine Punktgutschrift beantragen."
"Aha. Jaaaaa, ich weiß nicht …."

Die Kassiererin unterhält sich kurz mit dem Kollegen, der gerade etwas unter ihrem Kassentisch sucht.

"Ich weiß nicht, vielleicht kaufe ich das Hemd dann doch in Grünstadt."
Der ältere Herr ist unentschlossen. Das junge Pärchen wirkt jetzt etwas ungeduldig.
"Dann muss ich das aber wieder ausbongen."
"Ja, ja … machen Sie ruhig … soll ich das Hemd zurückbringen?"
"Ach nein, danke, das macht mein Kollege."
Der Kollege schaut verwirrt.
Der ältere Herr geht ohne Hemd.

Das junge Pärchen kommt an die Reihe.
Ein Geldschein wandert über den Kassentisch, die Schuhe sind bezahlt, das Pärchen geht.

Es ist kurz nach Feierabend in der Stadt, die Geschäfte sind voll, der Einzelhandel freut sich, die Schlange an der Kasse hinter mir ist länger geworden. Ich komme an die Reihe: ein paar Schnürsenkel, das günstige Dreierpack Tennissocken und eine Grußpostkarte zum Geburtstag von Tante Hedi.
"Die Postkarte müssen Sie bitte da hinten an Kasse 4 in der Papierabteilung bezahlen."
Zustimmendes Nicken meinerseits.

"Haben Sie unsere Kundenkarte?"
Währenddessen tippt die Kassiererin die Preise für die Waren, die ich kaufen möchte, in die Kasse ein.
Natürlich habe ich ihre Kundenkarte. Ich besitze alle Kundenkarten dieser Stadt, von jeder Tankstelle, jedem Pizzalieferservice und jeder Bäckerei. Überall sammle ich Punkte und fordere meinen wohlverdienten Rabatt ein.
Ich greife kurz nach unten auf den Boden, wo ich eine Plastiktüte abgestellt habe, hebe diese auf den Kassentisch und leere den Inhalt der Tüte darauf aus.
Hunderte bunter Plastikkärtchen ergießen sich über den Tisch: rote, blaue, manche mit Chip, viele mit Magnetstreifen. Die ganze Welt der Kundenkarte liegt vor uns.
"Einen kleinen Moment bitte, ich habe sie gleich."
Dieser Augenblick lässt mich immer etwas grinsen, ich kann das nicht ändern.
Ich suche in dem Kartenhaufen. Schließlich finde ich eine orangerote Karte.

"Das muss sie sein - ach nein - Entschuldigung - das ist der Herrenausstatter von nebenan." Ich suche weiter.
"Hier!" Stolz reiche ich die Karte der Dame an der Kasse. Die ersten Kunden in der Schlange hinter mir gehen weiter. "Das ist leider …"
"… oh, Entschuldigung. Die Karte ist wohl aus der Filiale in der Brunnenstraße … verzeihen Sie bitte vielmals." Ich suche weiter. Dabei fallen einige der wertvollen Karten unter den Tisch. Ich werde das Terrain gründlich absuchen müssen, nachdem ich bezahlt habe. Ich versuche es mit einer gelben Karte. Anfangs sieht es so aus, als ob wir Glück haben und das Lesegerät die Karte akzeptieren würde.

"Die Karte ist leider abgelaufen."
"Wie bitte?"
"Sie müssen in der Hauptfiliale eine neue Karte beantragen. Leider."
"Heißt das, dass …? - Ach, warten Sie, Verzeihung …"

Ich suche wieder. Einige der Karten habe ich bestimmt zum dritten oder vierten Mal in der Hand. Meine Krankenversicherungskarte und der Parkschein tauchen dazwischen auf.
"Die gehören hier doch gar nicht dazu", murmele ich vor mich hin.
Sehr beruhigend finde ich, dass sich die Kundenschlange hinter mir deutlich verkleinert hat. Eine ältere Dame steht noch hinter mir, die anderen zwanzig potentiellen Kunden sind bestimmt weiter auf Schnäppchenjagd gegangen. Da fällt es mir ein: die neue Kundenkarte hatte ich doch in die Jackentasche gesteckt … damit es schnell geht an der Kasse. Ein kurzes Zögern meinerseits, ein Wühlen in der Tasche, dann habe ich den Schatz.
Überglücklich reiche ich die Karte der Kassiererin. Wahrscheinlich erhalte ich jetzt auch meinen Kundenrabatt - als treuer Käufer.

"Verzeihung", fragt die ältere Dame hinter mir den Kollegen der Kassiererin, der immer noch unter dem Kassentisch etwas sucht.
"Ja …. Moment."
"Wo haben Sie denn Stickgarn?"