Ren van Hirk

Im Kreis

Im Kreis

Die Glasschiebetür gleitet lautlos zur Seite. Herr F. betritt die Filiale der Bank. Er geht zum ersten Schalter und deutet an, dass er gestern bereits sein Kommen angekündigt habe. Nach kurzer Wartezeit wird er vom Filialleiter begrüßt und in einen Nebenraum geleitet.

Herr F. trägt heute nicht seinen Anzug. Ein älteres Sacko und die braune Cordhose sollen ihn unauffällig aussehen lasen. Methode Tarnkappe - hat er sich gedacht.

Herr F. stellt seinen Lederkoffer auf den Schreibtisch. Der Filialleiter packt nacheinander Geldbündel in den Koffer, dabei zählt er laut mit. Nachdem das Geld verstaut ist, geben sich beide die Hand. Herr F. verlässt die Filiale der Bank.

Er geht nach links die Fußgängerzone entlang. Als er auf dem kleinen Platz ankommt, blendet ihn die winterliche Morgensonne von vorne. Er kann für einen Moment nichts erkennen. Dann sieht er, dass eine Frau direkt vor ihm steht. Einer unbestimmten Eingebung folgend bleibt er stehen. Herr F. macht für sich selbst eine Geste, die andeutet, er habe etwas vergessen. Er dreht sich um und schlägt die entgegengesetzte Richtung ein.

Vor ihm stehen zwei Männer.

Keiner weiß von dem Geld in dem Koffer - denkt er. Nicht auffallen - denkt er.

Langsam dreht er sich zur Seite. Eine Frau und ein weiterer Mann haben sich zu den beiden, die ihm den Weg versperren, gesellt. Alles ganz normale Passanten, nicht auffällig, nicht aggressiv, nicht fordernd - sie stehen nur da. Auch die Frau, die ihm in der blendenden Morgensonne gegenüberstand, verharrt still vor ihm, rechts neben ihr steht nun eine weitere Frau, links zwei Männer.

Herr F. dreht sich langsam weiter um seine eigene Achse. Rund um ihn herum stehen Menschen - ein großer Kreis. Auf seiner Stirn perlen Schweißtropfen. Er wird unruhig. Aber dann geht er zielstrebig los - ganz der coole Geschäftsmann.

Die Männer und Frauen, die um ihn herumstehen, nehmen sich in diesem Moment bei der Hand. Der Kreis schließt sich. Herr F. bleibt stehen. Jetzt wird er wirklich unruhig. Er macht noch einen Schritt nach vorne, wieder in Richtung der noch tiefstehenden Sonne. Er merkt plötzlich, dass es bis gerade eben noch sehr still war auf der Straße, jetzt vernimmt er jedoch einen Ton, den er nicht zuordnen kann.

Der Kreis fängt an zu summen. Alle Männer und Frauen summen einen tiefen, durchdringenden Ton.

Herr F. bleibt bewegungsunfähig stehen.

Das Summen wird lauter und durchdringender. Herr F. stellt seinen Lederkoffer auf das Pflaster, um nach einem Taschentuch zu suchen.

Aus dem Kreis heraus kommt langsam aber zielstrebig eine Frau auf ihn zu, bleibt vor ihm stehen, blickt ihm kurz in die Augen. Sie nimmt den Koffer und geht. Herr F. steht erstarrt. Der Koffer verlässt den Kreis.

Das Summen hört auf.

Die tiefstehende Morgensonne blendet noch immer.

Herr F. wischt sich die Stirn ab, ihm ist kurzzeitig schwarz vor den Augen geworden.

Wenige Pasanten eilen die Fußgängerzone entlang, Herr F. ist alleine. Sein Koffer ist weg.

(nach einer Idee von Ralf)