Ren van Hirk

Landlos

Landlos

1

Nach Westen hin erstreckt sich eine trockene, mal sandige, mal mit Steinen übersäte Ebene. In der Ferne sieht man grüne Hügel, wenn die Sicht klar ist. Meist liegt ein Dunstschleier über der Trostlosigkeit. Die Straße ist gut instand gehalten, aber schmal und unwichtig. Kaum Verkehr, kaum Fahrzeuge, nie ein Fußgänger. Bis in die nächste Stadt sind es viele Kilometer. Man kann erahnen, dass am Ende dieses geraden Striches, als der die Straße dem Betrachter erscheint, eine menschliche Ansiedlung sein muss, aber man sieht nichts, nicht den Kirchturm, nicht das Getreidesilo, nichts. Zu weit weg. Das ist unser Nachbarland, direkt hinter der Grenze. Die Leute sollen nett sein. Man sieht aber selten Besucher von dort. Sie sprechen eine andere Sprache. Die Sprache ist unserer sehr ähnlich, aber kaum jemand macht sich die Mühe, sie zu lernen. Warum auch.

Ich betrachte diese Ebene jeden Morgen.

Nach Osten hin sieht es nicht viel anders aus. Zwischen dem Haus, in dem sich mein Büro und meine Dienstwohnung befinden, und der nächsten Stadt … sagen wir: und dem nächsten Dorf liegt eine Tageswanderung. Niemand würde jedoch über die einsame, vom Wind geplagte Ebene wandern. LKWs und 4-Wheel-Drives kommen manchmal von dort her. Sie fahren ins Nachbarland, Zigaretten kaufen, die Bars besuchen, an den Strand, der irgendwo hinter den Hügeln liegt, ans Meer.

Auch nach Osten schaue ich jeden Tag. Der Dunst, der die Sicht vernebelt, ist der gleiche, wie auf der anderen Seite. Im Sommer, wenn es heiß ist auf der Ebene, flimmert der Horizont. Im Osten und im Westen.

In der Mitte zwischen den beiden Horizonten ist ein kleiner Parkplatz. Hier müssen Reisende anhalten, wenn sie die Grenze überschreiten wollen. Es müssen keine großen Formalitäten erfüllt werden, aber die Reisenden sind aufgefordert, sich zu identifizieren und anzugeben, ob sie etwas verzollen möchten.

Ab und zu kommt ein großer LKW hier durch. Dann muss ich richtig arbeiten. Bei kommerzieller Fracht müssen viele Papiere durchgesehen und gestempelt werden. Dafür werde ich bezahlt. Ich bin Zolloberinspektor am Posten 314 an der Landesstraße 59. Mitten im Nichts, zwischen den beiden Ländern.

Das Zollbüro auf der anderen Seite wurde in die nächste Stadt verlegt. Der Zöllner muss so nicht in der Einsamkeit wohnen. Auf der anderen Seite steht noch die Ruine des alten Zollhauses. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann sie aufgegeben wurde. Manchmal gehen die Touristen hinter die eingefallenen Steinmauern, um dort zu pinkeln. Sie trauen sich wohl nicht, mich zu fragen. Dabei hat mein Büro eine öffentliche Toilette.

Nachts ist die Grenze offiziell geschlossen, aber wenn ein Autofahrer vorbei kommt, dann ruft er kurz. Ich öffne dann für einen Moment die Schranke, und damit ist alles erledigt.

Seit 23 Jahren versehe ich hier meinen Dienst. Die Wohnung befindet sich im ersten Stock des kleinen Bürogebäudes. Es gibt ein Dienstfahrrad, aber das muss repariert werden. Die Zollhauptstelle am Posten 315 an der Autobahn hat viele Dienstfahrzeuge. Einmal in der Woche kommt Karl aus der Stadt. Karl führt einen Lebensmittel- und Krämerladen. Mit seinem kleinen Lieferwagen versorgt er die Aussiedlerhöfe, die Naturschutzstation und mich. Er ist auch das Postbüro und die Sparkasse.

Vor 12 Jahren sollte mein Posten und der Übergang geschlossen werden. Man wollte mich an die Grenze im Norden versetzen. Das Nachbarland wollte das nicht, so blieb mein Übergang geöffnet.

Jeden Morgen um 6 Uhr öffne ich das Büro, zuvor wird die Fahne unseres Landes gehisst. Dann wird die Schranke geöffnet. Es ist kein Problem, um die Schranke herum zu fahren, aber Ordnung muss sein. Am Abend wird die Grenze nach Einbruch der Dunkelheit geschlossen. Im Sommer sind das immer lange Arbeitstage für mich. Oft kommen noch Touristen in der Dämmerung. Die Navigationsgeräte scheinen die Landesstraße 59 gerne als kürzeste Verbindung zwischen den Provinzhauptstädten anzuzeigen. Die schnellste Verbindung ist es nicht, weil man ja drüben über den Pass muss. Im Winter, wenn wenig los ist, bekomme ich zwei Wochen Urlaub. Meistens werde ich dann von einem jungen Inspektorenanwärter vertreten. Diese jungen Burschen sind nach vierzehn Tagen immer sehr froh, wenn sie hier wieder wegkommen.

Ich bin dann immer froh, nach meinem Urlaub wieder hier zu sein. Meistens verbringe ich die freien Tage bei meiner Tante.

2

Es nieselt leicht. Es ist früh am Morgen, die Grenze ist seit einer halben Stunde geöffnet. Es ist September und somit kühl hier auf der großen Ebene. Aber kein Wind. Ein paar Steppenhamster vergnügen sich auf der Straße. Von drüben, vom Nachbarland her nähert sich ein Auto.

Ich kenne die Personen in dem Auto. Es sind junge Leute aus der kleinen Ansiedlung, etwa 35 km die Straße entlang und dann rechts. Sie fahren einfach durch. Sie halten nicht an, kein Gruß, nichts. Das war sonst anders. Der Fahrer grinst mich an, während er, ohne abzubremsen, die Grenze überfährt. Aber es ist kein freundliches Grinsen, eher ein mitleidiges. Ich wundere mich. Ich werde heute abend einmal bei seinem Freund anrufen. Mit dessen Vater war ich auf der Schule, bevor die Familie dann ins Nachbarland übergesiedelt ist. Auch wenn wir uns kennen, der Bursche hätte zumindest langsamer fahren können. Wenig später kommen zwei 4-Wheels aus unserem Land – sie fahren einfach durch. Ich stehe fassungslos in der Mitte der Straße im Nieselregen und sehe ihnen nach. Dies hier ist immerhin eine internationale Grenze, da kann man nicht einfach durchfahren, auch nicht, wenn man zum Fischen auf der anderen Seite will. Den Ausweis muss man schon vorzeigen. Ich werde einen Report schreiben, das Kennzeichen des zweiten Fahrzeugs habe ich erkannt.

Während ich auf der Straße stehe, höre ich es hupen. Von hinten braust ein Obstlaster heran, einer von den großen schweren. Jetzt kommt Arbeit auf mich zu, Obst erfordert immer einige Formalitäten. Wegen der Schädlinge und der Pestizide. Er muss doch langsamer werden, will der denn gar nicht anhalten? Der ist wohl neu hier. Halt, Stopp. Ich gestikuliere wild auf der Straße, aber er fährt unbeirrbar weiter geradeaus auf mich zu. Im letzten Moment springe ich zur Seite. Da ist der Laster auch schon vorbei, drüben im Nachbarland.

Ich gehe ins Büro und setze mich an den Schreibtisch. Von hier aus kann ich die Schranke, die Fahne und den Parkplatz beobachten. Ich starre lange zum Fenster hinaus. Einige Fahrzeuge passieren die Grenze ohne anzuhalten. Kein Gruß, wie früher, kein unsicherer Blick, nichts, sie fahren einfach durch.

Gegen Mittag greife ich zum Telefon. Ich werde meinen Vorgesetzten in der Provinzhauptstadt anrufen. Ich muss Meldung machen. Ich wähle die Nummer. Tuten, keiner nimmt ab. Ich versuche es noch einmal. Eine Stunde und vier illegale Grenzübertritte später versuche ich es wieder. Keiner nimmt ab, keiner da im Büro des Vorgesetzten. Wahrscheinlich ein wichtiges Treffen in der Hauptstadt. Zwei LKWs fahren durch, ich kenne die Fahrer. Sie bremsen nicht ab, aber beide grüßen freundlich. Ich winke zurück.

Ich schließe die Schranke heute früher, es ist noch nicht dunkel. Das hält aber die Fahrer mehrerer Kraftfahrzeuge nicht davon ab, einfach um die Schranke herum zu fahren. Ich versuche telefonisch die Polizei in der Stadt zu erreichen. Kein Tuten, kein Freizeichen, keine Verbindung. Ich hole die Fahne für die Nacht ein.

Auch in der Nacht höre ich einige Fahrzeuge, die unerlaubt die Grenze passieren.

Am nächsten Morgen hisse ich pünktlich die Fahne meines Landes. Die Schranke lasse ich verschlossen. Ich warte auf Anweisungen. Falls mein Neffe vorbeikommt, werde ich ihn bitten, bei der Polizei vorbei zu fahren und dort mein Problem zu schildern. Mein Neffe kommt immer am Wochenende. Er besucht drüben seine Freundin.

Gegen 10 Uhr kommen drei Jugendliche angefahren. Sie halten auf dem Parkplatz. Einer der jungen Männer geht hinter die Ruine des alten Zollbüros im Nachbarland. Als er wieder vorkommt, macht er sich die Hose zu. Dann gehen sie zur Fahne und holen diese vom Mast. Ich starre fassungslos durch mein Fenster, ich traue mich nicht raus zu gehen. Dann grüßen sie mich freundlich durch die Scheibe, nicht feindselig. Als sie fast wieder am Auto sind, dreht einer sich um und kommt zur Tür meines Büros. "Als Andenken, verstehen Sie. Braucht doch eh keiner mehr. Und wer weiß, wie lange es sie noch geben wird. Tschüss, machen Sie’s gut." Ich bin sprachlos. Ich möchte den Dreien hinterherfahren, aber ich habe kein Dienstfahrzeug. Nur mein Fahrrad – und das muss repariert werden. Die Ersatzfahne, die mir vor Jahren nach dem großen Sturm versprochen worden war, ist nie angekommen. Keine Fahne mehr am Grenzposten 314.

Lautes Hupen, ich schrecke hoch. Ich hatte über die Welt im Allgemeinen und meine Position im Besonderen gegrübelt. Das Hupen wird lauter. Ich gehe zur Tür. Ein LKW. Der Kieslaster, der alle zwei Tage vorbeikommt. Er kommt aus dem Nachbarland und bringt Kies, aber fährt wohl eine andere Route zurück, denn er hat die Grenze bei mir noch nie in die andere Richtung passiert.

Die Schranke ist unten. Ich habe die Vollmacht, die Grenze bei besonderen Vorkommnissen zu schließen. Mir erscheinen die letzten Stunden als besonderes Vorkommnis. Das Hupen wird lauter, der Laster nicht langsamer. Er fährt einfach durch die Schranke durch.

Die Absperrung ist vollkommen zertrümmert, die Metallstange liegt verbogen in der Steppe. Ich kann die Grenze nicht mehr schließen. Ich gehe zum Telefon. Kein Freizeichen, keine Verbindung.

3

Am nächsten Tag kommt Karl, der Lebensmittelhändler. Er schaut sich etwas verwundert den nackten Flaggenmast und die Trümmer der Schranke an. Dann kommt er mit einer Kiste ins Büro. Er weiß, was ich jede Woche bestelle. Eier, Brot, Gemüse, Wurst, er kennt mich und meine Bedürfnisse. Einmal im Monat ein Herrenmagazin und die Kontoauszüge. Da ich kaum Geld ausgebe, wächst mein Sparguthaben monatlich.

Wir reden nie viel. Heute auch nicht, er schaut sich um, dann fragt er, wie immer, ob ich irgendwas Besonderes brauche. Er verrechnet seine Lieferungen direkt mit meiner Bank, er darf das. "Ach so", sagt er, "die Regierung hat dein Gehalt noch nicht überwiesen, die haben wohl einen Neuen in der Rechnungsstelle. Nur das du’s weißt. Du hast ja eh genug Knete auf der Bank." "Hmm, danke." "Tschüss." "Tschüss, bis nächste Woche."

Komisch. Kein Geld. Die sind sonst immer pünktlich. Seit 23 Jahren. Seitdem ich hier Dienst tue, war mein Gehalt pünktlich am 30. des Monats auf der Bank. Ich denke, ich sollte mal in die Stadt fahren. Aber das Fahrrad ist kaputt. Ich habe vergessen, bei Karl Fahrradflickzeug zu bestellen. Und 30 Kilometer sind ein langer Weg, wenn man ihn laufen muss. Vielleicht könnte mich ja jemand mitnehmen. Aber es hält ja keiner mehr hier. Außerdem kann ich nicht weg von hier, das Büro muss besetzt bleiben. Ich bin traurig. Es fängt wieder an zu regnen.

Am nächsten Morgen hält ein Auto auf der anderen Seite. Dort gibt es eigentlich keinen Parkplatz, aber man kann einfach auf dem trockenen Steppenboden parken. Das Land gehört dort niemanden. Drei Männer in orangefarbenen Sicherheitswesten steigen aus. Vermesser. Sie stellen ihre Geräte auf und vermessen etwas im Nachbarland. Einer hebt kurz die Hand zum Gruß, die anderen nicken mir zu. Schade, dass ich ihre Sprache nie gelernt habe. Nach drei Stunden beenden sie ihre Arbeit und fahren zurück. Ich hätte vielleicht mitfahren können, aber was soll ich in der Stadt im Nachbarland. Ich habe nicht einmal Geld von dort, mit dem ich etwas kaufen könnte.

Es wird ein Tag wie die letzten drei Tage. Autos fahren einfach über die Grenze, ohne zu halten. Die Fahrer grüßen nicht, auch die nicht, die ich kenne. Irgendwann hält jemand 150 Meter vor dem Zollbüro an und steigt aus. Er übersprüht das Verkehrsschild, dass auf das Zollbüro hinweist, mit Lackfarbe und fährt weiter. Ich schaue mir die Sachbeschädigung später an. Keiner kann mehr erkennen, dass hier eine Zollstelle an der Straße ist. Ich bemerke auch, dass jemand wohl in der Nacht das Schild, dass die Geschwindigkeit begrenzt, abgebaut hat.

Am nächsten Tag hält ein Auto auf unserem Parkplatz. Ein älteres Pärchen steigt aus. Ich gehe zu ihnen hinaus. Vielleicht nehmen sie mich mit in die Stadt. Der Polizeibeamte kann mich ja dann zurückbringen. Die beiden bemerken mich und kommen auf mich zu. "Entschuldigen Sie bitte, kennen Sie sich hier aus?" Ich trage meine Uniform, deshalb bin ich etwas verwirrt. "Hier war doch die Grenze, oder?" Der Mann hat seine Fotokamera ausgepackt und macht ununterbrochen Bilder. "Ja, hier war, äh, hier ist … kommen sie aus der Stadt?" "Heinz, schau mal, das muss das Büro von drüben gewesen sein." Die beiden gehen auf die andere Seite zu den Ruinen. Er macht weiter Bilder. Für einen Moment kann ich ihn nicht sehen. Als er wieder hinter der eingefallenen Mauer hervor kommt, zieht er sich die Hose hoch und knöpft sie zu. Ich werde eine Eingabe im Nachbarland mache. Ich will, dass diese wilde Uriniererei ein Ende hat. Es stinkt. Die beiden gehen wieder zum Auto, winken mir dabei zu. Dann fahren sie weiter. Ich fühle mich hilflos.

Manchmal mache ich mir den Spaß und jage die Steppenhamster. Es ist eher ein Spiel. Die Tiere sind sehr zutraulich, da ihnen keiner etwas tut. Während der Jagd entferne ich mich auch mal einige hundert Meter weit vom Büro. Als ich draußen in der Steppe stehe, sehe ich wie Karl, der Händler, kommt. Ich winke. Er winkt. Er stellt eine Kiste ins Büro. Die übliche Bestellung. Er ruft etwas, aber ich kann ihn nicht hören. Er gestikuliert. Er macht Zeichen, dass er etwas aufschreiben wird. Er geht nochmal ins Büro, dann fährt er wieder los. Als ich ins Büro komme, sehe ich seine Notiz auf dem Schreibtisch. In krakeliger Schrift steht auf dem Zettel: Immer noch kein Geld überwiesen. Karl.

Ich wäre gerne mit ihm in die Stadt gefahren, er hätte warten können. Aber er pflegt seine Mutter, die nicht mehr laufen kann. Wahrscheinlich hatte er es eilig. Jetzt muss ich wieder eine Woche warten. Es fängt wieder einmal an, zu regnen. Und es wird sehr windig. Stürmisch. Ich schließe zur Sicherheit die Fensterläden. Ein LKW braust laut hupend die Straße entlang. Der Fahrer grüßt, ohne das Tempo zu verringern. Ich brate Spiegeleier und lese das Herrenmagazin, das heute mit Karls Lieferung gekommen ist. Der Verkehr auf der Straße hat nicht zugenommen in den letzten Tagen. Es kommen etwa genau so viele Autos durch wie vorher. Aber sie halten nicht an, sie fahren einfach durch. Ich wünschte, das Telefon würde funktionieren. Oder wenn ich wenigstens einen Fernseher hätte. Oder ein Radio.

4

Seit Tagen stürmt es. Der trockene Steppenboden ist zu Matsch geworden. Es ist kalt und ich muss heizen. Noch habe ich einen großen Stapel Brennholz hinter dem Haus liegen, aber ich warte auf die jährliche Lieferung durch die Zollbehörde. Sonst kam das Brennmaterial immer schon Anfang September, bis heute habe ich nichts bekommen. Ich muss unbedingt in die Stadt. Ich werde versuchen, als Anhalter mitgenommen zu werden. Ich stelle mich in Uniform an die Straße und halte den Daumen in den Wind wenn ein Auto kommt. Das ist für mich sehr ungewohnt, ich fühle mich dabei nicht wohl. Es kommt eh selten ein Auto. Und wenn eines kommt, dann rast es mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei. Es hilft nichts, dass ich den Fahrern nachwinke, nachschreie, wild in der Gegend herumfuchtele, sie halten nicht.

Irgendwann kommt eine junge Frau vorbei, sie wird langsamer und ruft aus dem fahrenden Wagen: " … na Alter, du hast wohl etwas nicht mitbekommen …". Dann ist sie schon wieder weg. Der Regen hat die Uniformjacke durchnässt, ich gehe wieder ins Büro. Dort ist es warm.

5

Als Karl wieder vorbei kommt, sitze ich am Ofen und lese. Er schaut mich an: "Willst du mit in die Stadt?" Ich nicke. "Die Dinge verändern sich, weißt du?" Ich schaue ihn an. "Wie meinst du das? Was verändert sich?" "Ach, komm, fahr mit mir in die Stadt. Du musst hier mal rauskommen. Verstehe eh nicht, wie du das hier aushältst. Deine Kiste steht da drüben. Los komm, steig ein."

Ich fahre mit. Vorher habe ich das Büro sorgsam verschlossen. Karl hat solange einem Steppenhamster zugeschaut, der in einem der Matschtümpel hängen geblieben war. Der Wind auf der Ebene ist sehr unangenehm. So ist das nun einmal im Herbst hier draußen. Karl nickt nur, als ich ihm das erzähle. Er fährt stumm die gerade Straße zur Stadt lang. "Weißt Du, Karl, es ist seltsam …" Er schaut nach vorne, dann nickt er kurz. "… die halten nicht mehr an. Die haben keinen Respekt mehr vor der Zollbehörde. Ich verstehe das alles nicht." Karl bleibt stumm.

Als wir in die Stadt kommen, frage ich ihn, ob er mich bei der Polizei absetzen kann? Er sagt nichts, zeigt aber mit dem Finger auf ein paar Jugendliche auf der Straße. "Das ist vielleicht nicht so gut … das Büro dort ist schon ein paar Tage unbesetzt." "Karl, was ist hier los, irgendwas stimmt hier nicht." "Jaaa …" Er fährt zu seinem Laden. Vor vielen Jahren war ich einmal hier, als ich mit ihm die monatlichen Lieferungen und die Abrechnungsmodalitäten besprochen habe. Die Jalousien sind herunter gelassen, man kann nicht durchs Schaufenster hineinsehen. Auf der Jalousie ist mit Farbe groß das Wort "geöffnet" aufgesprüht. "Was machst du, wenn du geschlossen hast?" Ich denke, er sollte wenigstens aus Höflichkeit über den Witz lachen, doch er schaut mich nur an, während er die Handbremse anzieht und ein großes Lenkradschloss anbringt. "Ich bin vorsichtig geworden, die letzten Tage. Es ist noch nichts passiert, aber man weiß nicht. Oben in der Nordprovinz soll es nicht so friedlich sein."

"Was ist los?" Ich will endlich eine Antwort von ihm. Er weiß etwas. "… und ich muss zur Polizei. Ich muss das melden. Ich habe die Autokennzeichen, und … Sachbeschädigung, Missachtung von Hoheitszeichen, Diebstahl … außerdem muss das kaputte Telefon repariert werden, und ich werde ein Dienstradio beantragen. So eine Situation darf nicht noch einmal eintreten." Wir sind in den dunklen Ladenraum gegangen. Erst schaut er sich um und prüft, ob alles unversehrt ist. Dann schaut er mich an: "Hör mal, das ist nicht so einfach zu erklären. Unser Land …" "Karl, ich vertrete unser Land da draußen. Ich beaufsichtige die Grenze, ich trage diese Uniform, so dass …" "Dieses Land gibt es nicht mehr."

Er sagt es und geht nach hinten ins Lager. Ich schaue ihm wortlos nach. Dann setze ich mich. Ich warte. Nach einer Weile kommt er mit zwei Flaschen Bier zurück und gibt mir eine. Wir schweigen. "Es hat sich viel geändert … die Offiziellen sind alle weg. Keiner weiß etwas. Hier bei uns ist alles friedlich, aber die Telefone nach draußen funktionieren nicht." Er trinkt aus der Flasche. "Die Touristen von drüben sind o.k. Sie lassen Geld da und stellen nichts an, sie scheinen es lustig zu finden, dass ihr Nachbarland sich einfach in nichts aufgelöst hat. Sonst funktioniert ja auch alles erstmal." Er trinkt wieder. "Aber du. Wer soll dich denn jetzt bezahlen?" Ich starre ihn an. Ich habe das noch gar nicht alles begriffen. "Wie? Bezahlen? Ich diene dem Staat. Zöllner ist ein ehrenhafter Beruf, und dafür bekomme ich jeden Monat mein Gehalt." "Bekamst!" "Wie …?" Wir sitzen stumm da. Zwischendurch kommt eine Kundin. Sie grüßt uns beide. Karl verkauft ihr Zwiebeln und Streichhölzer. Dann schweigen wir wieder. Nach einer Weile kommt wieder ein Kunde. Ich erkenne ihn, es ist der Polizeiinspektor. Ich spreche ihn an, aber er schaut mich nur mitleidig an: "Hab ich nix mit zu tun. Da musst du schon schau’n, wie du klar kommst." "Was ist denn mit der Polizei hier los?" "Ich arbeite jetzt oben im Baugeschäft. Was soll ich sonst auch machen?" "Ja…" Ich sitze nachdenklich da und halte mich an der ungeöffneten Bierflasche fest.

Karl sagt, er müsse wieder los, die anderen Höfe beliefern. Ich frage ihn, ob er mich zurückfahren kann. Er nimmt mich bis zum Abzweig bei Kilometer 14 mit, den Rest laufe ich durch den Regen. Zum Abschied meint er, ich solle mir das alles nicht so zu Herzen nehmen. Das kommt vor, dass sich Länder einfach auflösen, das ist nichts Besonderes. Ich soll mir was anderes suchen. Er käme nächste Woche wieder vorbei. Ob er Brennholz mitbringen soll, Geld genug hätte ich ja.

Ich bin wie in Trance. Ich verstehe das alles nicht. Ich gehe in mein Büro, lasse aber die Fensterläden geschlossen. Es stürmt. Ich brate Spiegeleier. Morgen werde ich in die andere Richtung laufen. Ins Nachbarland.