Ren van Hirk
Nichts Sagen
Nichts Sagen
Die Bahn braucht ihre Bahnhöfe nicht mehr und der Post geht es auch nicht gut. Wer schreibt denn heute noch Briefe? Da kommt den Verantwortlichen die rettende Idee. Wir tun uns zusammen. Gab es ja früher hier und da schon einmal: Bahn-Post. Und damit es alle merken, werden die Bahnhöfe gelb gestrichen. Und in den verwaisten Schalterhallen werden Automaten aufgestellt. Da es für den lieben Kunden nicht allzu kompliziert sein soll, wird auch hier eine geniale Idee verwirklicht: der alles-könnende Kombi-Automat. Briefmarken und Fahrkarten aus einem Schlitz. Die Halle steht nun voll mit den riesigen Kisten, die mit ihren berührungsempfindlichen Bildschirmen die Fahrgäste und Briefschreiber verlockend anschauen.
Es ist nicht einfach. Mancher kauft schon einmal ein Rückfahrbriefmarke für eine Postkarte nach Hauptbahnhof. Oder die Platzreservierung als Einschreiben. Die Kunden sind … sagen wir mal … noch nicht genug im Umgang mit der neuen Technik geschult. Aber auch die Technik leistet sich so manchen Missgriff: Als Wechselgeld fünfundzwanzig Kinderfahrkarten nach Unterberg-Oberhausen … auf dem freien Markt sehr schwer kapitalisierbar.
Man zeigt sich großzügig. Selbstverständlich darf, wer aus Versehen die falsche Fahrkarte gekauft hat, den Fehlbetrag während der Fahrt beim Zugbegleitpersonal entrichten. Da ist dann allerdings auch schon Schluss mit der Kulanz. Wer zuviel bezahlt hat, der hat … eben zuviel bezahlt. Und Briefe, auf denen nicht ausreichend Porto aufgeklebt ist, landen ohne Möglichkeit auf Einspruch im Nirvana. Müllverbrennung Ost.
Der Kunde ist nicht glücklich.
Man redet. Man schimpft in der Schalterhalle. Aber kein Mensch ist da, den man mal was fragen könnte, der eine Auskunft gibt.
Es ist erklärtes Ziel des Bapo-Konzernes (erst wollte man ihn Poba nennen, aber die Namendesigner hatten Einwände), mit niemandem zu reden - wenn man nicht will. Dass die Kunden einen zutexten … bloß nicht. Menschen kosten Geld, und das muss man einsparen.
Natürlich wird Service groß geschrieben. Es gibt eine - gebührenpflichtige - Hotline. Ein Telefonhörer hängt neben der Tür an der Wand. Wenn man in den Schlitz darunter 50 Cent einwirft, wird man mit einem Call-Center verbunden. Weitere 50 Cent bewirken, dass jemand mit einem redet. Die Hotline wird gerne von Ortsfremden in Anspruch genommen, vor allem von Leuten, die von richtig weit her kommen. Von so weit her, dass sie eine andere Sprache sprechen. Darauf war das Call-Center nicht eingestellt. Vielen zahlenden Kunden konnte leider nicht geholfen werden.
Dann kam Herr Molfinger. Man musste ihn anstellen - wegen der Quote. Auch wenn nicht ganz klar ist, wegen welcher Quote. Herr Molfinger wurde das Service-Team. Er bekam eine kleine abgetrennte Kabine mit Blick auf die Kunden und die Halle - durch einen einseitig undurchsichtigen Spiegel. Seine Hauptaufgabe war es, unerwünschte Personen aus den Verkaufshallen fern zu halten. Punks, Alkoholiker, Farbige und Rentner mit Spazierstöcken werden dem nächsten Sicherheitszentrum gemeldet. Je nach Kundschaft wird wahlweise klassische Musik oder hartes Metall durch die Lautsprecher geschickt - was zur Folge hat, dass die vollkommen unverständlichen Ansagen zum Zugverkehr überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden.
Herr Molfinger ist froh, nochmal eine Chance bekommen zu haben. Einige Kunden sind froh, wieder einen Menschen zu sehen, der hier arbeitet.
Eine alte Frau spricht ihn an, als er die Pappbecher zusammenfegt. "Ob denn der Zug aus …berg pünktlich wäre?" "Brummel, brummel, Anzeigetafel, brummel brummel", lautet die Antwort. Ihr Enkel kommt mit dem Zug. Sch§$%ss-Chaoten, denkt er. "Es ist das erste Mal, dass er Zug fährt." Sch§$%ss Fußballhuuligens. "Er ist doch erst zwölf." Stille. Sie geht auf den Bahnsteig.
"Ob er seine Rente auf diesem Postamt abholen kann?", will er wissen. Herr Molfinger möchte gerne in seiner Kabine verschwinden. Das Serviceteam verdrückt sich. Sonst hätte er die Rente immer am Maximiliansplatz abgeholt, aber da ist jetzt ja geschlossen. "Konto." Er versteht nicht. "Lassen Sie sich's doch aufs Konto überweisen." "Und Sie bringen das Geld dann zu mir nach Hause?"
'Nur keinen Kundenkontakt', steht auf Seide gestickt in einem Holzrahmen, der über dem Diensttisch des Serviceteams hängt. Bei der Schulung wurde Herrn Molfinger beigebracht, dass jedes Kundengespräch bares Geld kostet. Ob er denn soviel hätte? Was, Zeit? Nein, Herr Molfinger, wollen Sie das bezahlen, all dies Gequatsche mit den Kunden?
Herr Molfinger hat gelernt.
"Können Sie mir bitte helfen, mein Zug fährt gleich." "Wohin soll's denn gehen?" "Rheinburg." "Na, das haben wir gleich …", er tippt in den Automaten hinein. "So, jetzt 60 Cent einwerfen." "So billig?" "Jaaaa", er lacht, Herr Molfinger lacht! "So, bitte schön." "Aber! Das ist ja eine Briefmarke." "Den Rest können Sie im Zug bezahlen, ich muss dann mal …"
Herr Molfinger hat gelernt, was das Cashflow-Optimization-Team ihm eingetrichtert hat.
Nach acht Jahren im Service-Team geht Herr Molfinger in Rente. Der Bahn-Post-Hof kommt wieder ohne ihn zurecht. Herr Molfinger aber nicht ohne seine Kabine. Er ist alleine. Er geht spazieren.
Am Imbiss bestellt er eine Curry-Wurst und versucht, ein Gespräch anzufangen, aber der Bratwurstbrater scherzt lieber mit den jungen Mädchen. Der Busfahrer auf dem Heimweg zeigt nur auf das Schild über der Tür: Nicht mit dem Fahrer reden. Herr Molfinger hat jetzt viel Zeit. An der Kasse im Supermarkt will er wissen, wie das Gulasch in der Dose schmeckt. Die Leute hinter ihm werden nervös und laut. Das erinnert ihn an früher. Als er noch das Service-Team war. Er geht zum Bahnhof. Als Kind war er gerne auf dem Bahnhof. All der Trubel. All die Menschen, die Fahrkarten gekauft haben, all die Reisenden, die nach Wochen ihre Liebsten wieder sehen.
Herr Molfinger steht abends in der Automatenhalle.
Er ist alleine.