Ren van Hirk
Die Rede des Diktators
Die Rede des Diktators
nur wenige geladene gäste sitzen an der langen tafel. ein dinner der höchsten festlichkeitsstufe. eine szenerie wie auf einem gemälde aus der zeit der großen europäischen könige. edle stoffe, edles kristall, edle speisen und getränke. der geruch von zigarillos - und das, obwohl der gastgeber nicht raucht, und außerdem vegetarier ist.
er wird reden. wir alle warten darauf. wir warten, weil die rede der anlass des treffens ist. er will sich mitteilen, uns seine pläne darlegen. sein ziel, den großen plan, den er hat, mit dem land, mit der welt.
nachdem er jeden gast persönlich mit kurzen worten begrüßt hat, bittet er zu tisch. ein charmantes lächeln auf den lippen, nicht aufdringlich, nicht arrogant, eher vereinnahmend.
tischgepräche zeugen lediglich von höflichkeit. die geladenen gäste kennen sich nicht. nur aus der zeitung, aus berichten. offensichtlich weiß jeder von der position des anderen, diplomaten, die spitzen der wirtschaft und der verwaltung - gesehen haben wir uns vorher kaum. die stimmung ist gespannt, nicht nervös, vielleicht erwartungsvoll. keiner weiß, was kommt, nachher, morgen, die nächsten jahre. alle kollektiven rettungsversuche sind gescheitert. die starke hand wird gesucht, die faust sucht sich ihren platz.
nach dem hauptgang schlägt der silberlöffel zart an das glas. die stille kommt abrupt. ein wunder, dass ich mich noch traue zu atmen. er steht auf. ein witz, nein, eher nur eine bemerkung, die zum lächeln verführt. dann beginnt er.
"es ist … " - er analysiert die lage. jeder im raum weiß, dass es so ist. er hat recht. mit jedem wort, das er sagt, hat er recht. so ist es. er analysiert die lage, bis wir alle seinen blickpunkt teilen, bis wir alle seiner meinung sind. in der bestehenden auswegslosigkeit verbaut er jeden ausweg, der an ihm vorbei führt. er malt das bild vom jetzt mit dem strahlenden retter als licht in der tiefe der zukunft.
"wir alle … wir müssen". sprich, wir folgen dir. du hast uns vereint, jetzt gib die richtung vor. die schafe werden zur herde gemacht, und als herde müssen sie. "meine herren …" er weiß, wer die entscheidungen in der gesellschaft beeinflusst, "meine dame … ", mit dem unwiderstehlichen charme eines conferenciers schließt er die einzige weibliche teilnehmerin geschickt in den zirkel der verschwörung mit ein, sie darf dazugehören, ein privileg. "wir müssen …", als vorschlag getarnt, als feststellung gesprochen, als befehl ausgesendet: wir müssen!. ein narr, wer jetzt nicht einverstanden wäre. als verräter muss sich jeder fühlen, dem eine eigene, eine andere meinung die gedanken kreuzt.
"ich werde …" niemand kann jetzt mehr widersprechen. er wird! endlich macht einer mal etwas. das ist es, was retter machen, sie tun! sie handeln. in deinem interesse, in meinem interesse, in ihrem interesse. ja, er sagt, was er tun wird. und es ist unwiderruflich, nicht verrückbar. der kurs steht, korrektur unerwünscht. keiner kann sagen, es wäre nicht von anfang an klar gewesen, und jeder weiß, dass es zu spät ist. alternativen haben ihr verfallsdatum überschritten. jetzt wird er …
beifall.
er nickt dankend, er lächelt zustimmung einfordernd. der beifall wird lauter.
er verlässt den raum. es gibt nichts mehr zu sagen.