Ren van Hirk
Theaterbesuch
Theaterbesuch
Ein lauer Frühlingsabend, und keiner von uns beiden weiß etwas damit anzustellen. Die Kulturseite unserer Stadt im Internet zeigt da überraschenderweise einen Eintrag, über den wir beide fast gleichzeitig stolpern: ein Theater, von dem wir nichts wissen, und ein vielversprechender Titel der Abendvorstellung: Zeitreisen.
Der Entschluss ist schnell gefasst. Wir werden einen netten Spaziergang ans andere Ende der Stadt machen und wenn wir noch Karten bekommen, dann werden wir die deutsche Erstaufführung zweier vergessener Theaterminiaturen miterleben. Eine verzaubernde Idee.
Die Altstadt ist voller Menschen. Wir überqueren die Brücken und erreichen den bergigen Teil der Altstadt, der von zahllosen Kirchtürmen überragt wird. In der kleinen Gasse, die wir zuvor lange auf dem Stadtplan gesucht haben, finden wir zunächst nichts, das nach einem Theater ausschaut. Hinter der angegebenen Hausnummer verbirgt sich eine alte Villa in einem gepflegt, aber dennoch wild wirkenden Garten. Wie ein kleines Zauberschloss steht das Häuschen vor dem Rot der untergegangenen Sonne. Aber es scheint kein Theaterbetrieb hier stattzufinden.
Dann entdeckt meine Frau am unteren Klingelschild doch das magische Wort und ich bemerke derweil, wie einige Pärchen im Garten flanieren. Kurzentschlossen stürmen wir durch das eiserne Tor die Treppe zum Eingang empor. Kaum durch die Tür, werden wir von einem netten Mann mit Frack und Zylinder höflich und mit Handschlag begrüßt.
"Ob wir denn noch Karten …?" - "Ah, Sie haben noch keine Karten." Die traurige Miene wechselt jedoch schlagartig zu einem verschmitzten Lächeln. "Doch. Heute haben Sie Glück, es gibt noch Karten." Er weist mit dem Arm in einen kleinen Saal, mehr ein Erkerzimmer und bittet uns, Platz zu nehmen. Von den etwa zwanzig Sitzgelegenheiten sind fast alle bereits besetzt. "Die Karten, bezahle ich die bei Ihnen?", frage ich vorsichtig. "Nachher", sagt er, "machen Sie das später."
Die Vorstellung ist wundervoll. Zu Beginn erklärt der Theaterintendant - also der nette Herr im Frack -, dass es ihm wieder einmal gelungen sei, zwei Theaterraritäten eines bei uns nahezu unbekannten Schriftstellers zu entdecken. Wir lauschen erwartungsvoll. Danach werden die beiden Einakter von zwei begabten jungen Schauspielerinnen in Szene gesetzt. Das Thema: Wie so oft, die Liebe, die Leidenschaft und die Suche nach dem Glück. Dies wird im zweiten Stück von zwei Mädchen in einer anderen Zeit gesucht. Ein wenig Zauber spielt in der Geschichte auch eine Rolle.
Kurzum: ein gelungener Abend. Der Theaterchef verabschiedet sich vom Publikum mit der Bitte, man möge wiederkommen und dem Hinweis auf seinen Zylinder, der jetzt auf dem Tisch am Eingang steht und dessen Inhalt wesentlich zur Bezahlung der Miete beitragen soll. Wir schreiben uns in das Gästebuch ein, meine Frau meint noch, ich solle großzügig geben, da merke ich es schon: die Brieftasche liegt zu Hause.
Peinlich!
Nachdem alle anderen Gäste gegangen sind - wir haben uns lange mit den Bildern und Zeitungsausschnitten an den Wänden beschäftigt - versuche ich dem Hausherren nach einigem Lob meine Lage zu schildern: ich möchte geben, nur heute kann ich nicht und ich erkläre, dass ich meine Schuld so bald wie möglich begleichen will. "Ob ich nicht vielleicht morgen früh gleich …", "Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen, genießen Sie diesen wunderschönen Frühlingsabend und kommen Sie einfach … ja, sagen wir, kommen Sie doch einfach nächsten Samstag wieder in die Vorstellung. Es ist zwar das gleiche Stück, aber wir spielen es jedesmal anders."
Wir schlendern durch die Stadt nach Hause. Der geplante Besuch in der Weinstube muss leider ausfallen, denn die Brieftasche ist ja nicht mitgekommen. In der Stadt höre ich noch, wie sich einige Menschen über die Anschläge in New York unterhalten. "Ist das nicht schon zehn Jahre her", frage ich meine Frau. Sie schaut ebenfalls verwundert. "Sicher ein Jahrestag, oder die Journaille hat wieder mal etwas entdeckt, was vorher keiner wusste …" Das belauschte Gespräch ist dann doch schnell vergessen. Es war ein verzaubernder Theaterbesuch.
Am nächsten Morgen fragt mich die Verkäuferin im sonntäglich morgens geöffneten Backwarenladen, ob ich mit Euro oder mit D-Mark bezahlen möchte.
Für mich nach all den Jahren keine Frage mehr. Aber auch dieses Ereignis vergesse ich schnell. Die ganze Woche freue ich mich auf Samstag. Ich möchte meine Schulden bezahlen, aber ich bin auch sehr gespannt auf die Aufführung. Es soll ja jedesmal anders sein. Die Woche über kommen wir beide zu nichts - viel Arbeit und keine Muse. Nicht einmal zur Bank habe ich es geschafft.
Aber am Samstag schlendern wir wieder durch unsere Altstadt, an den Kanälen entlang, durch die kühlen Gassen hinein in das Labyrinth des Berggebietes. Im Theater werden wir schon fast wie alte Freunde begrüßt: "Schön, dass Ihr kommen konntet, ich habe Euch eure Plätze freigehalten." Ich stammele meinen Vornamen, während wir uns die Hand schütteln. Aber da kommen auch schon die Nächsten, die genauso herzlich empfangen werden.
Faszinierend, dass die Schauspielerinnen dasselbe Stück, dieselben Worte so auf die kleine Erkerbühne bringen, als wär’s ein anderes Stück. Es wird wieder die Liebe und die Leidenschaft gegeben und danach die Zeitreise. Die Geschichte derer, die überzeugt davon sind, dass zu einer anderen Zeit alles besser sein muss. Wir stehen nach der Aufführung noch lange im Garten und unterhalten uns mit den Theatermachern. Die ersten Glühwürmchen schwirren durch die Hecken. Als ich dann endlich in die Jackentasche greife und unsere Schulden begleichen will, da werde ich freundlich unterbrochen: "Wir sehen uns dann nächsten Samstag, da gibt es dann auch eine Spendenquittung." Er lacht. Er duldet kein Aber. Wir verabschieden uns mit Handschlag und er gibt noch einen Rat, wo heute der beste Wein ausgeschenkt wird.
Der halbe Mond hängt über den Kirchtürmen. Die alten Gemäuer für die Touristen angestrahlt - obwohl, mir scheint, es war schon schlimmer. In der Stadt muss so ein Treffen von Oldtimer-Narren stattfinden. Überall sehe ich diese herrlichen gut erhaltenen alten Fahrzeuge. Doch auch ein Käfer oder ein R4 fährt heute abend durch die Stadt.
Unter der Woche kommt meine Frau verwirrt nach Hause. Ihr Chef hat ihr den Lohn bar ausbezahlt, das wäre so üblich. Dass es D-Mark Scheine sind, hat sie gar nicht wahrgenommen. Auch, dass das Fernsehen nur noch drei Programme bietet, und das in Schwarz-Weiß, irgendwie stört es uns nicht. Mein Versuch, für die Pfingstfeiertage am Bahnhof noch ein Supersparpreisticket zu ergattern, scheitert. Der Schalterbeamte weiß weder etwas von Supersparpreisen noch von ICEs. Der D-Zug-Zuschlag ist bei der Entfernung schon mit drin.
Es ist eine seltsame Woche und manches Erlebnis lässt mich ratlos zurück, über andere Dinge scheinen sich aber weder meine Frau noch ich mich zu wundern. Der Sprudel kommt in Glasflaschen und nicht in Plastik, die meiste Werbung auf den Litfaß-Säulen ist für Waschmittel und im Fernsehen sieht man in der Tagesschau oft einen bayrischen Politiker, der lautstark schimpft und dem anderen Deutschland trotzdem einen Kredit verschafft hat. Es ist so, als ob es schon immer so war. Der Samstag Abend ist der Höhepunkt der Woche. Zeitreise mit den hinreißenden Schauspielerinnen. Wir plaudern vor der Vorstellung etwas mit unserem Freund, dem Theatermacher. Was er als nächstes an Raritäten wohl ausgraben wird. Ob der Vermieter das Dach decken wird, denn es soll ja nicht auf die Gäste regnen. Auch diese Vorstellung ist ausverkauft, 32 Plätze, die im Gang mitgerechnet. Und jeden Abend kommen ein oder zwei Pärchen, die Glück haben. Ja, heute gibt es noch Karten. Der Zylinder auf dem Tisch im Foyer füllt sich mit DM-Scheinen. Aber irgendwie vergessen wir wieder das Bezahlen. Ich hatte dem Ensemble ein paar Flaschen Wein vom Weinberg eines Freundes mitgebracht … aber trotzdem schuldete ich noch das Eintrittsgeld für mich und meine Frau … für inzwischen drei Vorstellungen. Wobei ich nicht einmal weiß, was so eine Karte wohl kosten soll.
Beim nächsten Mal, versprochen!
Die amerikanischen Militärpolizisten stehen noch immer an vielen Ecken im Stadtgebiet. Die deutsche Polizei versucht, den Schwarzmarkt zu kontrollieren. In die Stadt kommen viele Flüchtlinge. Autos sieht man so gut wie gar keine, ab und zu Pferdefuhrwerke, die Gemüse in die Stadt bringen - und Bier aus der Stadt herausfahren. Die Straßenbahn wird wahrscheinlich nicht mehr fahren, die Wiederinbetriebnahme lohnt nicht. Egal. Wir werden, wie jeden Samstag Abend, ins Theater gehen. Durch die dunkle Altstadt, hoch zum Dom und weiter in die kleinen Gassen.
In der Nachttischschublade habe ich den 200-Euro Schein gefunden, den ich dort vor einem Jahr versteckt hatte: Steuerrückzahlung, für schlechte Zeiten. Heute werde ich bei meinem Freund die Schulden begleichen. Mit Zinsen! Er sieht das vielleicht nicht so eng, aber das Theater braucht das Geld - und ich habe es.
Was soll ich sagen: Zeitreise, zum vierten Mal. Ein Erlebnis. Das Zimmer ist vollbesetzt. Die Kerzen flackern. Es ist kühl. Obwohl der Frühling schon fortgeschritten ist, lassen die Eisheiligen uns zittern. Kohle ist knapp nach diesem Winter und ein Theaterwohnzimmer hat wohl keine Ration abbekommen.
Die Stimmung ist dafür um so besser. Das Publikum schmunzelt und nickt verständnisvoll, als jedes der beiden Mädchen auf der Bühne schildert, wie es seiner Zeit entfliehen möchte. Nach der Vorstellung gibt es noch einen Imbiss. Im Zylinder liegen ein paar Geldstücke und eine Schachtel Zigaretten, das Wertvollste im Raum. Ich nehme den 200-Euro Schein und lege ihn heimlich und verstohlen in den Hut. Aber mein Freund, der Theater-Intendant-Besitzer-Chef-Leiter steht schon hinter mir. "Was hast du denn da für ein lustiges Stück Papier, sowas habe ich ja noch nie gesehen … selbst gedruckt?" Er lacht. "Geht ja nicht heutzutage. Aber sieht schön aus. Meinst Du, es wird bald Sommer? Es ist plötzlich so kalt geworden."
Kein Wort über nächste Woche. Es ist Neumond. Dunkel ist die Stadt.
Es regnet die ganze Woche. Unser Auto muss in die Werkstatt. Meine Frau bekommt eine Erkältung. Trotz allem wandern wir am Samstag wieder durch die Altstadt und finden unseren Weg in die kleine Theatergasse. Das Tor ist verschlossen. Im Garten steht ein Schild mit der Telefonnummer eines Immobilienmaklers.