Ren van Hirk
Das AAA oder Die Urne
Das AAA oder Die Urne
Meine Frau und ich, wir haben uns entschieden. Wir wollen auch unseren Beitrag leisten. Der Hunger unserer Zivilisation nach Energie wird immer größer und uns alle betreffende Probleme bleiben ungelöst. Deshalb fällt der Entschluss uns nicht schwer. Jeder muss etwas tun. Also setzen wir uns an einem Abend, an dem das Fernsehprogramm einmal wieder nicht kulturell hochwertig ist, vor den anderen Bildschirm und ich schalte das Internet ein.
Schnell ist das gewünschte Angebot gefunden: Amt für die Verteilung Atomaren Abfalls, kurz AAA. Geschickt gemacht, denke ich. So stehen die im Telefonbuch ja ganz vorne.
Dem ganz normalen Durchschnittsbürger wird angeboten, eine überschaubare Menge atomaren Abfalls bei sich zu Hause ganz privat zwischen zu lagern. Eigenheimbesitzer haben sogar die Möglichkeit, einen Antrag auf Endlagerung des ihnen anvertrauten Materials zu stellen. In Mietwohnungen hingegen ist eine Endlagerung nicht möglich.
Die Internetseite des Amtes ist informativ und übersichtlich gestaltet, so dass wir bald das Formular zur "Antragstellung auf Überprüfung der persönlichen Verhältnisse zum Zwecke der Überlassung von nicht wieder verwertbarem nuklearen Material aus Kraftwerken der EU in privaten Haushalten" finden. Ich stutze kurz. Wieso EU. Ich will eigentlich nur deutschen Atommüll bei mir zu Hause. Aber auch das ist schnell geklärt. Zu 99% kann garantiert werden, dass das Material aus bundesdeutschen Kraftwerken stammt. Aber die Vorschriften, Brüssel, man kennt das ja …
Die Verwaltungsprozedur zieht sich über ein paar Wochen hin, aber dann ist es soweit: der lang erwartete Moment ist da. Das Auto des Paketzustelldienstes hält vor unserem Haus und liefert einen großen Karton ab. Unterschrift und - wie war der Name? - danke und tschüss.
Der Inhalt sieht aus wie eine Urne im Schaufenster eines Bestattungsunternehmens. Durchaus geschmackvoll gestaltet, keine auffälligen und störenden Warnhinweise, kein Schild "Hier öffnen" ("Nicht öffnen" wäre eh angebrachter, denke ich). Tja, wir hatten uns gar keine Gedanken gemacht, wohin wir das gute Stück stellen. Meine Frau sagt, dass sie die 1,85 kg Nuklearmaterial nicht so gerne im Schlafzimmer haben möchte. Verständlich. Es scheint auch, als ob von der Urne eine leichte Wärme ausgeht. Nicht wirklich messbar, aber ich habe so ein Gefühl. Für das Sideboard im Wohnzimmer ist es zu groß, wohin dann mit dem Telefon. Küche … nein - Vorschlag abgelehnt. Wir stellen die Urne erst einmal ins Gästezimmer. Zufrieden und mit gutem Gewissen schlafen wir ein.
Drei Wochen sind vergangen und ich erhalte eine e-Mail des Amtes für … AAA kurz gesagt. Sie fragen höflich an, ob wir die Lieferung erhalten haben und ob wir mit der Dienstleistung zufrieden sind. "Was können wir besser machen?", steht in dem mitgeschickten PDF. Ich antworte wahrheitsgemäß und bedanke mich für den Gutschein zur Besichtigung des nahen Atomkraftwerkes.
Meine Schwester und mein Neffe sind zu Besuch. Immer wieder eine Freude über die Ostertage. Unsere Kinder sind schon lange aus dem Haus, aber das neugierige Gewusel des Neunjährigen ist erfrischend für uns. Er will alles wissen. Am Abend des Ostermontags kommt er mit dem runden Porzellandeckel einer Schachtel aus dem Gästezimmer, den ich nicht sofort einordnen kann. "Na, was hast du da denn im Schrank gefunden?", "War nicht im Schrank, das stand am Fenster." Meine Frau schaut mich etwas befremdet an. "Das ist doch …", sie rennt in das Gästezimmer. Und kommt zurück an die Tür, "die Urne". Meine Schwester bekommt einen Lachanfall. "Ihr habt eine Urne im Gästezimmer stehen?", "Nein, äh, ja, äh, nein", "Ah ja … was denn nun?" Ich fange an zu erklären, ich versuche es, es klingt, als ob ich es versuche. "Die Urne ist …", meine Frau ist wieder ins Gästezimmer gegangen, ich gehe hinterher. Das Gefäß steht wie gewohnt am alten Platz, nur eben ohne Deckel. Wir schauen uns gegenseitig an. Mein Neffe hat den Deckel irgendwo hingelegt und ist längst draußen auf dem Spielplatz. "Wollt ihr mich einweihen?", "Nun ja, also, wir haben gedacht …", "Wir müssen das melden! Wir müssen das dem AAA melden", "Warum wollt ihr das denn dem Automobilclub von Amerika melden?", "Ach Quatsch, das AAA ist das Amt für … wie hieß es doch gleich?" Meine Schwester lacht wieder: "Du willst also etwas mit einem Amt zu tun haben, mein Bruder, der kleine Rebell, der Anarchist von damals".
Ich schaue in das Gefäß. Leer. Ich schaue meine Frau an. "Die grüne Kugel ist weg!", "Welche grüne Kugel?", "Woher weißt du denn, dass es grün war? und überhaupt: Kugel? Hast du reingeschaut?", "Nein, natürlich nicht", "Wo reingeschaut" "Na, in die Urne" "Du hast also reingeschaut" "Nein, verdammt nochmal, natürlich nicht" "Woher weißt du, dass es eine grüne Kugel war?", "Was stellt ihr denn euren Gästen in das Zimmer neben das Bett?" Meine Schwester findet alles nur noch lustig. Meine Frau geht meinen Neffen holen. Ich starre fassungslos in das leere Gefäß.
Mein Neffe ist sehr verstört. Er weiß nicht, warum ihn seine Tante so schnell wieder hereingeholt hat. Meine Frau bemüht sich, nicht allzu streng zu sein, aber er steht unter Verdacht. "Hast du den Deckel aufgemacht?", "Neeiiiiin". Er windet sich. "Hast du etwas 'rausgenommen?", "Nööö, Tante, hab ich nicht, da war doch gar nichts drin", "Vielleicht eine grün leuchtende Kugel?", "Kugel?", "Es war vielleicht gar keine Kugel." Meine Schwester nimmt ihren Sohn an der Hand, dann starrt sie auf seine Finger. Neongelbes Leuchten, die Hand ist verschmiert mit irgendeiner Farbe. Alles leuchtet. "Was ist das?"
Bald ist auch dieses Missverständnis aufgeklärt. Irgendwelche unerzogenen Rotzlöffel haben mal wieder mit Sprühfarbe auf dem Spielplatz 'rumgesaut. Und das kleine Spielhaus ist von innen mit Neongelb angesprüht. Die Farbe ist noch nicht trocken und mein Neffe hat es aus Versehen angefasst. Erleichterung, aber wo ist die grüne Kugel - oder was auch immer es ist.
Am Dienstag nach Ostern rufe ich beim Amt an. Ich versuche es. Einmal Warteschleife, einmal "ich verbinde Sie" ohne Verbindung, einmal "… ist leider im Moment nicht im Büro". Ich schaue noch einmal in unseren Vertrag. Von Meldepflicht steht da erstmal nichts. Was ich in so einem Fall machen muss, lässt sich nicht herausfinden. Ich finde die Adresse für Nachbestellungen, ab 100 kg gibt es noch kleine Extras. Aber Verlust, Diebstahl, Zerstörung … all dies ist wohl nicht vorgesehen.
Ich beginne, eine e-Mail zu schreiben, an das Amt, an das AAA. Aber was soll ich schreiben? Dass mein Neffe den Behälter aufgemacht hat, dass die grüne Kugel weg ist? Welche grüne Kugel, werden die mich fragen. Woher wissen Sie denn, wie Nuklearabfall aussieht? Haben Sie mal reingeschaut? Neugierig? Sie wissen, dass sowas sehr böse ausgehen kann. Ich komme mit der e-Mail nicht weiter. Mein Frau sagt, ich soll doch hingehen. Hingehen? Nach Berlin? Das sind, Moment mal, das sind über 500 km. "Naja, wir wollten doch immer mal in die Hauptstadt und zu Pfingsten könnten wir da vorbei schauen." "Die haben Pfingsten zu, wie alle Ämter."
Meine Schwester ist wieder abgereist. Am Abend ruft sie an. Nein, ihr Sohn hat bestimmt nichts aus der Urne genommen, er hat auch nicht hinein gesehen oder gegriffen oder sonst was - das hätte er ihr hochheilig versprochen und geschworen. Unsere Familie war nie besonders gläubig.
Ich fasse in die Urne. Es prickelt auf der Haut. Meine Frau sagt, ich wäre nur nervös. Die Wärme ist weg. Das Gefäß fühlt sich nicht mehr so angenehm warm an wie früher. Als ob etwas fehlt. Wir legen den Deckel wieder drauf, es sieht aus, wie damals, als wir es bekommen haben.
Die nächsten Tage verlaufen ohne Aufregung. Die Urne steht geschlossen im Gästezimmer, so als ob nichts vorgefallen wäre. Am Montag klingelt es sehr früh am Morgen an der Haustür. Ein Mann in Arbeitskleidung und mit gelbem Helm auf dem Kopf steht vor der Tür. Er zeigt hinter sich "Sie hatten das bestellt, wo soll es denn hin?" "Sind Sie vom A…" Ich bekomme einen Schreck. Einen sehr großen! Ist das etwa jetzt erst unser bestellter Müll? Klar, der muss ja auch in einem Schutzbehälter sein.
Castrup, oder wie das heißt. Die Größe kommt schon hin. Draußen auf dem LKW liegt eine große Röhre aus Metall. Wie konnten wir nur denken, dass in der kleinen Urne unser Nuklearhäufchen sein könnte, wir sind einem üblen Streich aufgesessen. "Ja", stammele ich, "äh - stellen Sie es doch erstmal hier in den Vorgarten." Meine Frau schaut besorgt auf das Blumenbeet, in dem Frühlingsblüher gerade erwachen. "Sie wollen das wirklich im Vorgarten haben?", "Ja, wo denn sonst?" Ich finde mein Selbstbewusstsein wieder. "Haben das denn nicht alle im Vorgarten, die Verantwortungsbewussten wenigstens?", "Ich nicht, aber wenn Sie wollen, bitte …" Er geht zum LKW und will gerade rückwärts auf die Wiese in unserem Vorgarten fahren, als mein Nachbar von gegenüber wild mit den Händen fuchtelnd aus dem Haus gestürmt kommt. "Halt! Halt, hierher, ich hab’ das bestellt, hier auf die Garageneinfahrt!" Wir wechseln alle fragende Blicke, ich zucke mit den Schultern, grüße beide und gehe wieder ins Haus. Zu meiner Frau sage ich: "Möchte wissen, was der Krause von drüben sich da bestellt hat - alter Angeber." Meine Frau sagt nichts.
Ich überlege, ob ich in der Zeitung ein Inserat aufgeben soll. Grün leuchtende Kugel verloren. Nein, das ist nicht gut, ich weiß weder, ob es leuchtet, ob es grün ist und ob es eine Kugel ist. Am Abend kommt in einem der vielen populärwissenschaftlichen Fernsehmagazine ein Beitrag über die Problematik mit den nuklearen Restprodukten. Leider wird nicht gezeigt, wie diese wirklich aussehen, man sieht nur immer unheimlich große Stahlbehälter, Bergwerkseingänge und Sicherheitspersonal in Uniform. Die Überbleibsel unserer Energieversorgung müssen wohl geschützt werden. Da durchfährt mich erneut ein Schreck. Was ist, wenn irgendwelche terroristischen, islamistischen, fundamentalistischen oder sonstwie-ischen Elemente unseren Müll geklaut haben.
Ich treffe mich mit einem Bekannten aus Studientagen. Er hat mal wo gearbeitet, wo auch andere gearbeitet haben, die was mit Atomkraft und Kernenergie und so zu tun gehabt haben. Er kann mir nicht weiterhelfen, versucht aber, mir sein Auto anzudrehen. Finanziell läuft es nicht so gut bei ihm.
Meine Frau hat eine Idee: "Ich bestelle einfach nach. Dann schau'n wir rein und dann wissen wir, wie es aussieht." "Es sieht nicht immer gleich aus. Das kommt darauf an, von welchem Kraftwerk es ist. Wusstest Du, das die bei jedem Milligramm Uran genau sagen können, wo es angereichert worden ist." "Bei dem anderen Zeugs, wie heißt das doch gleich, diesem Plutonium etwa auch?" "Klar." "Meinst du, es war Plutonium?" "Nein, nein, es war bestimmt so ein ganz unbekanntes Element." Wir schweigen eine Weile, ich kann mich mit der Idee meiner Frau nicht anfreunden.
Zwei Wochen später kommt ein Brief. Vom Amt. Sie bedauern, uns den gewünschten Nuklearabfall nicht zustellen zu können. Das Programm wurde vorläufig gestoppt, da eine beteiligte Firma Einwände gehabt hätte. Wir werden aber auf eine Warteliste aufgenommen und benachrichtigt, sobald wieder nuklearer Abfall an die Bevölkerung ausgegeben wird.
Ich zeige den Brief meiner Frau. Wir sehen uns an. Was war in der Urne? Wer hat uns die Urne geschickt?