Ren van Hirk

Der Zuhörer

Der Zuhörer

Das Geld wird knapp. Er braucht eine Idee. Irgendwo muss ein Job herkommen. Es geht so nicht weiter. Der Kühlschrank ist leer und die Rechnungen bilden bereits einen kleinen Berg auf dem Küchentisch. Dann kommt die rettende Idee. Er gibt die Annonce in der Zeitung auf und hängt gleichlautende Zettel in einigen Kneipen und Läden aus:

Der Zuhörer
Stunde / 15 Euro
Kontakt: Telefon …

Und! Er stellt sich seine eigenen Regeln auf: Nur Zuhören! Keine Fragen stellen, keine Fragen beantworten. Nichts sagen.

Niemand soll das Gehörte jemals erfahren. Nichts sagen, nichts aufschreiben, nichts weitergeben. Es ist wie Beichten ohne Kirche. Es ist wie Beziehung ohne Partner. So soll es sein. Er glaubt an seine Idee. Jeder Kunde wird diese Regeln erhalten und jeder wird sie eingerahmt an der Wand in seinem Zimmer sehen. Er ist kein Psychiater, kein Psycho-Onkel, der Hilfe und das Blaue vom Himmel verspricht … zu versprechen scheint. Er wird nur zuhören.

Er wartet. Es ist klar: So schnell wird niemand kommen, er muss warten. Aber er glaubt an seine Idee.
Am Dienstag steht ein junges Mädchen vor der Tür, vielleicht noch keine 18 Jahre alt, vielleicht gerade erwachsen. Sie hält einen der Zettel in der Hand, die er ausgehängt hat. "Sie wollen zuhören?" Sie wirkt still, nicht verschüchtert, durchaus selbstsicher, aber ungläubig. So wie das eben ist, wenn man von einer nicht ganz alltäglichen Dienstleistung zum ersten Mal hört. Ungläubig, aber hoffnungsvoll. "Vielleicht möchte ich Ihnen gerne etwas erzählen."
Er sagt, dass er kein Psychiater ist. Er sagt, er wird seine Ohren zur Verfügung stellen, aber sie soll nicht auf Ratschläge hoffen. Sie nickt. "Darf ich 'reinkommen?"

Er erklärt ihr die Regeln. Sie nickt. "15 Euro ist viel Geld für eine junge Frau." Sie nickt. Er blickt ihr einen langen Moment lang in die Augen: eine stille Aufforderung. "Das Geld gibt mir meine Tante." Stille. "Sie will … nein, sie glaubt, ich würde Unterricht nehmen. Malunterricht. Ich will nicht malen. Aber meine Tante ist nett. Ich mag sie. Sie gibt mir Geld … gehört das jetzt schon zur ersten Stunde Zuhören?"

Er schüttelt den Kopf. "Nein. Aber wenn Sie es wollen, dann können wir anfangen. Sie sind meine erste Kundin." Er lächelt unsicher. Für einen Moment. Dann fällt ihm ein, dass er nicht unsicher wirken darf. "Mein Studio … also, mein Zuhörzimmer ist noch nicht fertig. Der Maler … " Es bleibt ein kurzer Moment der Stille zwischen ihnen, dann lacht sie. "Ich verstehe schon, das ist o.k. Meinetwegen hier in der Küche." Er bietet ihr einen Orangensaft an. "Das gehört dazu. Im Preis inbegriffen." Sie nickt. "Danke. Also, ich fang mal an. Es ist ein bisschen viel, ich weiß noch gar nicht, wo ich anfangen soll, wo ich anfangen will. Vielleicht erzähl ich erstmal was über mich."

Ein unbestimmter Gedanke steigt in ihm auf. Nicht Angst, nicht Verwirrung, nicht Neugierde, ein wenig 'auf-was-lasse-ich-mich-hier-gerade-ein'. Und ein Kitzel. Nicht erotisch, sie ist genau genommen nicht sein Typ und er fragt sich immer noch, wie alt sie wohl ist, aber die Regel steht: Keine Fragen. Nein, ganz weit tief in seinem Gedankenkeller steht ein kleines Männchen und sagt ihm, dass er vielleicht in eine Situation kommen wird, mit der er nicht ohne weiteres zurecht kommen wird. Er wird die Kontrolle irgendwann verlieren. Er weiß das noch nicht, aber für einen Moment kann er es erahnen.
Sie fängt an, Belangloses zu erzählen. Von ihrem Hund, den sie ausführt. Und wo sie den Hund ausführt. Und welche Menschen ihr begegnen. Und welche Hunde dort ausgeführt werden.

"Wissen Sie, ich …", sie hält einen Moment inne, dann lacht sie, "ich erzähle ja schon wie ein Wasserfall. Darf ich 'du' sagen?". Er blickt ihr in die Augen, sagt erstmal kein Wort. Wartet. Er nickt. "Weißt du, ich glaube, ich hab' da ganz viel zu erzählen …" Die Stunde ist vergangen, er zeigt auf die Uhr. Sie nickt. Dann holt sie 15 Euro aus ihrer Hosentasche und legt sie auf den Tisch. "Darf ich wiederkommen?" Für einen Moment sitzt er still da, dann sagt er: "Ja". "Nächsten Dienstag?" "Gleiche Zeit. Und grüß deine Tante von einem Unbekannten".

Der Rest der Woche bleibt ruhig. Zwei Anfragen, die die von ihm angebotene Dienstleistung betreffen, lehnt er ab. Ein älterer Herr aus den Wohnblocks am Waldrand. Er weiß nicht, ob es wirklich der stadtbekannte Voyeur ist, aber es wird ihm klar, dass er durch das Zuhören in Situationen kommen kann, mit denen er selbst nicht mehr zurechtkommt. Diese Erkenntnis kommt schon am Anfang seiner Karriere. Auch den schwulen Studenten lehnt er ab, nachdem er bereits über eine Stunde mit ihm am Telefonhörer verbracht hat. Der Rest der Woche bleibt ruhig. Ein Zusatzverdienst ergibt sich durch den Minijob als Prospektverteiler.

Am Dienstag steht sie pünktlich vor der Tür. Er serviert Orangensaft. Sie legt 15 Euro sofort auf den Küchentisch. Er möchte gerne wissen, warum sie kommt, er will sie fragen, er ist neugierig geworden. Aber es gibt Regeln. Seine Regeln. Er hält sich daran. "Lass uns anfangen", sagt sie. Er setzt sich auf den Küchenstuhl am Fenster und nickt mit dem Kopf. Sie schaut ihn einen Moment still an. "Mein Freund", fängt sie an. "Ich glaube, ich will nicht mehr bei ihm sein." Er spürt das gleiche seltsame Gefühl wie beim ersten Mal. Vielleicht geht das hier alles nicht gut. "Er mag mich nicht wirklich. Er ist mit Autos und Computerspielen beschäftigt. Er benützt mich. Zum Vorzeigen." Sie erzählt von ihrer Beziehung. Er fragt sich, warum so ein junges Mädchen, so eine … durchaus hübsche … junge Frau ihn dafür bezahlen will, dass er ihr zuhört. Sie erzählt weiter. Manchmal denkt sie einen Moment nach, still ordnet sie ihre Gedanken. Es ist nicht so, dass sie einfach ihr Herz ausschüttet, dass sie einfach drauflos blubbert, so als ob man eine Schleuse geöffnet hätte. Nein, sie überlegt sich sehr genau, was … und vor allem wie sie es ihm erzählt. Sie verabreden sich für die nächste Woche.

Am nächsten Tag kommt ein Herr in einem abgetragenen Anzug vorbei. Er klingelt unverhofft an der Tür. "Guten Tag, Herr Doktor, ich …" "Tut mir leid, mein Herr, sie haben sich wohl geirrt, ich bin kein Arzt." "Aber sie bieten doch psychotherapeutische Sitzungen an, ich habe ihre Annonce in der Zeitung gelesen." "Ich bin kein Psychiater, ich höre nur zu." "Ja also, mein Name ist Berglhamm, ich komme von der Ärztekammer, ich darf Sie bitten, mir mal ein paar Papiere zu zeigen, die belegen, dass Sie dieses Gewerbe hier überhaupt ausführen, … dass Sie praktizieren dürfen." "Ich praktiziere nicht, ich höre zu. Braucht man dafür auch schon ein Papier? Kann das sonst keiner mehr?". Das Gespräch wird mit scharfen Tönen und spitzen Bemerkungen geführt. Es dauert lange, bis Herr Berglhamm von der Ärztekammer die Wohnung … aus seiner Sicht unverrichteter Dinge … wieder verlässt.

Er merkt, dass er vorsichtig sein muss. Das Eis ist dünn, aber er glaubt an seine Idee.

Am Dienstag steht sie wieder pünktlich vor der Tür. "Bevor du wieder den stillen Buddha mimst, ich heiße Susanne." Er schaut ihr in die Augen. Sie ist wirklich hübsch. Sie erinnert ihn an jemanden. Die Schwester eines Freundes, er weiß es nicht, er kommt nicht drauf. Nach der endlos langen Stille fragt sie: "Und du?". Das überrascht ihn. Dann denkt er, dass sein Vorname mit auf dem Türschild steht. Dann sagt er: "Martin.". Sie gehen in die Küche. "Wie geht es deinem Zuhörzimmer?" "Der Maler hat keine Zeit diesen Monat." Sie legt das Geld auf den Tisch. Das Ritual etabliert sich. Er nickt. Sie fängt an zu erzählen. Heute berichtet sie scheinbar belanglose Dinge, zwischen denen er keinen Zusammenhang herstellen kann. Die alte Frau im Obstladen an der Ecke, die Party mit ihren Freundinnen, der blöde Macker in der Straßenbahn. Sie erzählt nie, ob sie studiert, ob sie arbeitet, ob sie irgendetwas tun muss, um Geld zu verdienen. Kurz erwähnt sie, dass sie ihren Freund schon eine Woche nicht mehr gesehen hat. Sie sagt nicht, ob sie darüber glücklich oder traurig ist.

Gelegentlich hat er andere Kunden. Einsame alte Frauen, alleingelassene Männer. Einigen rät er, doch lieber einen Fachmann aufzusuchen. Zwei-, dreimal verzichtet er deswegen sogar auf sein Honorar. Er will nicht für etwas bezahlt werden, das er nicht leisten kann. Er ist kein Psycho-Onkel, er ist Zuhörer.

Susanne ist immer pünktlich. Irgendwann fragt sie, ob sie zweimal die Woche kommen dürfte. "Ich habe soviel zu erzählen." Manchmal schildert sie einfach die vergangenen vierundzwanzig Stunden. Emotionslos, wie eine Unbeteiligte. Ihren Freund erwähnt sie seit einiger Zeit nicht mehr. Wie ein eifersüchtiger Liebhaber wartet er auf neue Nachrichten. Treffen sie sich noch? Hat sie einen Neuen? Will sie keine Beziehung? Er möchte gerne fragen … aber er darf nicht. Es gibt Regeln. Sie spürt seine Neugierde, sie lässt ihn zappeln. Es gibt andere Bezugspunkte aus ihrem Leben, die ihn, wenn er lange nichts von ihnen hört, unruhig machen. Was ist denn nun mit der alten Dame im Obstladen? Aber nichts macht ihn so unruhig wie das Ausbleiben der Nachrichten über Susannes Freund. Anfangs, im ersten Monat hat sie viel von ihm erzählt. Nicht am Stück. Die Information hat sie immer in kleinen Brocken eingestreut. Er kennt ihren Alltag, er kennt die Leute, die sie trifft, er weiß nicht, was sie selbst tut. Er kennt ihr komplettes Umfeld, nur sie kennt er nicht.

Einmal erzählt sie von einem etwas älteren Mann, den sie kennengelernt hat. Sie erzählt, dass dieser seltsame Spiele mit ihr spielt, dass sie bei manchen Dingen, die sie tun soll, sich sehr unwohl fühlt. Aber sie erzählt alles sehr genau, mit viel Liebe zum Detail

.

Er fragt sich, ob sie sich das alles ausdenkt. Zumindest dieser perverse Neuling erscheint ihm nicht echt. Er glaubt, dass er in einer Vorstellung sitzt, dass kein Wort wahr ist. Er traut sich nicht zu fragen, traut sich nicht etwas zu sagen. Sie bezahlt ihn. Regelmäßig.

Wenn keine Kunden da sind, sitzt er manchmal lange Stunden ruhig in der Küche und grübelt über seine Tätigkeit nach. Es ist richtig, wie er es macht. Aber er weiß, dass es Schwierigkeiten geben wird. Für ihn.

"Mein Freund …" Als Susanne nach zwei Monaten eine Sitzung mit diesen Worten eröffnet schreckt er auf. Er blickt ihr in die Augen. Fragend. Neugierig. Quäl mich nicht. Es scheint, als wüsste sie genau, was sie angerichtet hat. Sie bleibt still und erwidert seinen Blick. Frag doch! Sag doch, was du wissen willst! Einige Ewigkeiten später sagt sie: "Nein, das erzähl ich dir später. Da gibt es noch etwas anderes, was ich dir erzählen muss. Glaubst du an Gott?" Wie immer bleibt er still wie eine Buddhastatue. "Achso, du darfst ja nichts sagen. Also ich war in der Kirche … meine Tante … die, die glaubt, ich würde Malunterricht nehmen, sie hat mich dazu gedrängt. Sie hat gesagt, ich solle beichten gehen. Nur so könnte ich mich von Schuld befreien." Tausende Fragen wollen von seinen Lippen springen. Was hat sie getan? Was weiß ihre Tante? Um was geht es hier eigentlich? Aber nur eines sagt er tatsächlich: "Wenn du willst, können wir aufhören. Ich gebe dir das Geld für heute zurück. Ich glaube, ich kann nicht das für dich tun, was du brauchst. Ich meine … so ein Pfarrer ist da vielleicht der professionellere Ansprechpartner." Für einen Moment ist es still. "Ich hab's nur wegen meiner Tante getan. Ich hatte ihr zuerst alles erzählt, was passiert ist, aber dann sagte sie, dass ich vielleicht zur Polizei gehen sollte … der Pfarrer war so eine Art Kompromiss."

Ihm ist nicht wohl.

Sie erzählt dann, ohne auf seine Frage, ob man denn aufhören solle, zu antworten, weiter. Sie erzählt wie immer von ihrem Alltag, von der U-Bahn, der Verkehrskontrolle. Eine knappe Stunde lang. Dann geht sie. Beide nehmen nie die Möglichkeit wahr, sich vor oder nach der Sitzung zu unterhalten. Wo hätte auch die Grenze verlaufen sollen zwischen Zuhören und Unterhalten, zwischen Beziehung und Dienstleistung.

Am Montag bekommt er Besuch von der Polizei. Zwei Herren in Zivil. Sie möchten sich mit ihm über die von ihm angebotene Dienstleistung unterhalten. Über Berufsgruppen, die die Schweigepflicht kennen. Und welchen Berufsgruppen er sich gar nicht erst zuordnen darf. Sie warnen ihn. Ganz allgemein. Ohne seine Arbeit in Beziehung zu einem seiner Kunden zu setzen. Sagen sie. Er verspürt eine wachsende Unruhe. Das Eis wird dünner.

Am Donnerstag kommt sie nicht. Er ist unruhig, er ist nervös. Er ist besorgt. Zwei Stunden nach dem Termin ruft sie an: "Es tut mir leid, ich konnte nicht kommen. Eine Vorlesung ist verschoben worden, ich bezahl dich trotzdem. Bis morgen." Aha, denkt er, Universität. Ob es geplant war, dass sie diese Information preisgibt? Sie kommt jetzt viermal die Woche. Als sie einmal in einem sehr offenherzigen Kleid eine Stunde lang vor ihm posiert, ist er irritiert. Er kennt sie gut, aber so nicht. Was sie damit erreichen will? Am Schluss der Sitzung erklärt sie es jedoch … ungefragt. Die Freundin … große Party, man führt ein kleines Theaterstück auf … Trotzdem irritiert ihn diese Sitzung. Wie inzwischen alles an ihr. Es irritiert ihn am meisten, wenn sie ihn nicht irritiert. Wenn sie wie eine normale Kundin (so etwas hat er gar nicht) ihm einfach nur erzählt. Es folgen Wochen ohne Freund. Einmal erzählt sie, dass der ältere Herr aus ihrem Leben verschwunden ist. Aufgrund ihrer Andeutungen schließt er, dass es sich vielleicht um einen Dozenten handeln könnte. Er fragt nicht. Es gibt Regeln.

Er bekommt einen neuen Kunden. Ein junger Medizinstudent. Der kommt einmal die Woche. Er versteht ihn nicht. Warum kommt ein junger Mann, gerade die Zwanzig überschritten, zu ihm und erzählt? Er erzählt von seinem Studium, vom Leichen sezieren, von ewig andauernden Vorlesungen. Er erzählt von seinem Vater, der Arzt war und seiner Mutter, die Krankenschwester ist … noch ist. Er erzählt nichts von sich.

Das Geschäft läuft. Er ist nicht mehr aufgeregt und er hat tatsächlich die Küche in ein Zuhörzimmer verwandelt. Die Spüle und der Schrank lassen sich jetzt durch einen Vorhang unsichtbar machen. Die Kunden kommen und das Geld reicht für Kartoffeln und Möhren. Nur Susanne … sie irritiert ihn nach wie vor. Warum? Warum denkt sie sich ein Leben aus, das sie selbst nicht lebt. Und warum erzählt sie ihm davon. Er glaubt ihr fast kein Wort mehr, aber sagt nichts. Manchmal ist er in Versuchung, sich nach einer Sitzung Notizen zu machen oder gar das ganze Gespräch, den Monolog von Susanne aufzuzeichnen. Aber er macht es nicht. Er hat aber Schwierigkeiten, all die Fäden, die in ihren Erzählungen auftauchen, noch zu verknüpfen. Manchmal fällt ihm auf, dass er sich an Details, die sie ihm vor langer Zeit berichtet hat, nicht mehr erinnert. Er schaut sie dann fragend an und sie grinst. Als ob sie genau wüsste, dass er jetzt gerne nachfragen würde. Sie lässt ihn zappeln. Dann erzählt sie weiter.

Der Medizinstudent ist ein halbes Jahr bei ihm, einmal die Woche. Eines Tages überrascht er ihn: "Ich bin fertig mit meinem Studium." Stille. "Keine Angst, ich komme weiterhin. Ich glaube, sie brauchen das Geld. Oder? Brauchen Sie mehr?" Beim nächsten Mal lässt der Student beiläufig die Worte fallen: "… als ich noch Psychologie studiert habe …". Dieses Gefühl der Angst steigt in ihm hoch, wieder einmal. Irgendetwas stimmt hier nicht, irgendwas geht nicht gut aus. Und dann erschrickt er. "… meine Kommilitonin Susanne …", erzählt der Student, "ich habe sie eine Weile nicht gesehen …". Ein kalter Schauer läuft ihm den Rücken herunter. Kennen die beiden sich? Dieser aufstrebende, oberflächliche, leicht schnöselige Psychologiestudent und seine Susanne? "… aber wir arbeiten jetzt wieder zusammen … ich glaube, Sie kennen sie? Oder?"

Als der Student gegangen ist, sitzt er lange vor dem Fenster und schaut auf die Straße. Was zum Teufel geht hier vor. Er ist nicht mehr sicher, ob seine Geschäftsidee so gut ist. Er sucht Alternativen. Als es bereits dunkel ist … es ist Winter … kommt Susanne. Alles ist wie immer. Sie zieht 3 Fünf-Euro-Scheine aus der Hosentasche und legt sie auf den Tisch. Sie trinkt einen Schluck Orangensaft. Dann beginnt sie zu erzählen. Von Gott. Und der Welt. Und dem Hund von der alten Dame im Obstladen. "Ach, das muß ich dir ja auch noch erzählen: ich arbeite jetzt mit meinem Freund zusammen … komischer Zufall, oder? Wir haben uns ganz überraschend wieder getroffen. Das macht Spaß. Es ist wie früher …", und die Worte perlen aus ihr heraus wie aus einer sprudelnden Quelle, sie ist aufgeregt, als ob sich in ihrem Leben etwas Neues ergeben würde. "… und jetzt, wo ich endlich fertig bin mit meinem Psychologiestudium, bin ich froh, dass ich diese Stelle habe …"

Es läuft ihm eiskalt den Rücken herunter. Jetzt bekommt er Angst, er weiß nur nicht, vor was.

Susanne kommt, wie immer, am nächsten Tag um die gleiche Zeit und legt das Geld auf den inzwischen unheimlich groß gewordenen Berg von Fünf-Euro-Scheinen auf dem dreckigen Küchentisch. Nein, heute möchte sie keinen Saft. Ob sie krank ist? Er schaut sie lange an. Sie sagt kein Wort. Kein einziges Wort. Nach einer Stunde geht sie.

Es klingelt. An der Tür stehen zwei Männer in weißen Sanitäter-Uniformen. Er erstarrt. "Susanne? Ist etwas passiert?" Sie bitten ihn, mit zu kommen, aber gleichzeitig halten sie ihn auch fest und zerren ihn ins Treppenhaus. Auf der Straße steht ein Sanitätswagen. Sie setzen ihn hinein. Er bekommt eine Spritze. Die Wahrnehmung lässt nach, er fühlt sich jetzt ganz ruhig. Das Auto hält vor einem gepflegten schlossähnlichen Gebäude in einem großen Park. Sie begleiten ihn hinein. Im Foyer sieht er Susanne und den Studenten. Beide tragen weiße Kittel, wie die Sanitäter. Er wird sich hier wohlfühlen.