Ren van Hirk

Zuviele Worte

Zuviele Worte

Als die Sendung "Heiteres Beruferaten" langsam in die Jahre kam, da gingen ihr auch die Berufe aus. Es wurde immer schwieriger, noch eine Person zu finden, die auf ungewöhnliche, unerratbare Weise ihr Geld verdiente. Nur Prominente für die Endrunde, die gab es genug.
Trotz allem schaffte es die Sendung am Ende doch noch, eine ungewöhnliche Profession vorzustellen. Eine unscheinbare Dame im kornblumenblauen Kostüm, Pagen-Schnitt, höfliches Lächeln, nimmt neben R.L. Platz und wählt das gelbe Schweinchen. Die typische Handbewegung irritiert. Als ob sie etwas wegwischt, etwas entfernt, etwas Überflüssiges eliminiert. Man könnte meinen, sie hätte Germanistik studiert, irgendwas mit Sprachen, aber in Wirklichkeit hat sie in ihren wilden Studentinnenjahren ganz andere Dinge studiert. Nur darüber wird sie nicht reden.

"Produzieren Sie etwas?"

"Nein (ich mache genau das Gegenteil)"

"Erbringen Sie eine Dienstleistung?"

"Ja."

Die Rater bleiben ratlos.

"Kann ich persönlich daran teilhaben, betrifft es mich?"

"(Sie wissen ja gar nicht, wie sehr …) Ja!"

Nach langer Fragerunde kommt das zehnte 'Nein'.

Die Auflösung des Rätsels hinterlässt offene Münder und Staunen:
"… die offizielle Bezeichnung lautet: Eliminiererin textlicher Redundanz."

Aber sie sagt es gleich dazu: "Alle nennen mich nur 's'Radiererl'".

R.L.: "Sie löschen also Worte?"

"Ja … die überflüssigen, die, die wir nicht brauchen. Wenn Sie schon mal die Müllkippen am Rande der Städte gesehen hätten - voll von nutzlosen, unsinnigen Worten."

Im Publikum ist es still.

"Schau'n Sie … wir bekommen ein Problem: Wohin damit? Jeder meint, er könnte einfach schreiben, was er will. Und es wird zuviel, wir bekommen ein Problem. Sie ahnen ja gar nicht, wieviel Unrat sich schon angesammelt hat. Wohin damit, wer will das haben. Möchten Sie so einen Berg nutzloser Worte im Vorgarten?"

Betretenes Schweigen beim angesprochenen Rateteam. Aber R.L. rettet die Situation: "Wie sieht denn so ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?"

Die Dame, vielleicht gerade fünfzig Jahre alt, lacht: "Ach wissen Sie, ich steh' früh auf, wie alle, die zur Arbeit müssen und dann fahr ich zur Bibliothek. Ja, im Moment bin ich für die Bibliothek zuständig. Ich nehme ein Buch nach dem anderen aus dem Regal, prüfe es, lösche die überflüssigen Worte und stelle es zurück. Irgendjemand muss den Job ja machen." R.L.: "In Ihrem Amt sind sie etwa zwanzig Kollegen …?"

"Ja, manche sind für Buchhandlungen zuständig, Zeitungen, es gibt auch eine Abteilung für's Internet - 'home-office'. Manche Kollegen beneiden die. Die sitzen den ganzen Tag zuhause vor dem Computer - und löschen. Aber ich nicht, ich muss unter die Menschen. Es macht viel mehr Spaß, so unter die Leut'."

R.L.:" …verschiedene Abteilungen?"

"Oh ja, es gibt so viel unnütze Worte. Hörbücher, DVD's… Zeitungen - da sitzen viele Kollegen dran. Und der ganze wissenschaftliche Bereich: ein Acker ohne Horizont."

R.L.: "und was löschen Sie genau?"

"Worte, die nutzlos und überflüssig sind. Die Worte, die uns irgendwann zuviel werden. Wie gesagt, schau'n Sie sich die Wortmüllberge einmal an. Aber es geht nicht um Meinung oder Geschmack oder so, wir löschen wirklich nur das Redundante, das billig Kopierte, das Überflüssige …"

R.L (grinst verschmitzt): "Sie verbrennen Bücher?"

(entsetzt) "Nein, NEIN. Das Buch kann nichts dafür, wir würden nie ein Buch vernichten. In der Bibliothek radiere ich nur die Worte aus, die überflüssig sind …"

R.L.: "… die Handbewegung …"

(lacht) "Jaja, das Radieren. Gut, manchmal bleibt in der Bibliothek ein leeres Buch mit weißen Seiten zurück. Das lädt dann dazu ein, neu gefüllt zu werden. Aber verbrennen … nein. Es geht nicht um Zensur. Wir wollen nur, dass der Müllberg auf ein erträgliches Maß begrenzt bleibt. Es ist sowieso viel zu viel Arbeit …"

R.L.: (lacht) "Bei Ihnen wird eingestellt?"

"Ja ….. ja, schon, aber die Ausbildung dauert drei Jahre. "

R.L.: "Wo arbeiten Sie und Ihre Kollegen denn am liebsten?"

"Na, sagen wir es einmal so: Wo gibt es am meisten zu tun. Politik, Marketingbroschüren der großen Industriefirmen, Werbung … und immer wieder schön: die Reden zu Preisverleihungen. Am Ende löschen wir diese fast alle. Sie glauben ja gar nicht, wieviele Worte zu so einem Anlass geklaut werden, billig kopiert. Und alle überflüssig.
Und einige Dinge erledigen sich auch von selbst: Telefonbücher, Bedienungsanleitungen. Vieles wird einfach so gelöscht. Da muss ich auch mal einen Dank an das Publikum richten: Danke, dass Sie alte Telefonbücher und Bedienungsanleitungen vernichten. Sie helfen uns!"

R.L.: "Und was ist tabu? Wo gehen Sie nicht 'ran, was ist heilig?"

(lächelt): "Heilig. Das Wort impliziert ja schon, dass wir da nicht den Radiergummi schwingen dürfen. Aber gerade da … ich will gar nicht ins Detail gehen … soviel Arbeit in dem Bereich. Nein, aber um auf ihre Frage zurückzukommen: wir löschen nichts von Kindern. Was Kinder schreiben ist tabu. Und wir löschen keine Texte von Liedern.
Das "Dobeedoobeedoobeedobeeedeeedoo" wird nicht gelöscht. Und auch das "Dadoodoodoodadoodoodoo" wird bleiben. Wenn jemand singt, dann bleiben die Worte erhalten."

R.L.: "Haben Sie selbst noch ein großes Ziel, ein Wunschobjekt, dass sie durchforsten wollen?"

(überlegt)" … Sie meinen, wo ich mich noch so richtig austoben könnte? Da gibt es jetzt keine schnelle Antwort. Schilder … ja, ich glaube Schilder, das wäre mein Traum: Verbotsschilder, Straßenschilder, Hinweisschilder … noch sitzt da ein Kollege dran, aber das würde mir schon Spaß machen …"

R.L.: "Viele haben noch nie etwas von Ihnen und Ihren Kollegen gehört, wer bezahlt Sie für diese Sisyphos-Arbeit?"

"Da darf ich leider nicht d'rüber sprechen, das hat einen - sagen wir mal - politischen Hintergrund. Aber geh'n sie einfach mal davon aus, dass mit ihren Steuergeldern auch sinnvolle Aufgaben erledigt werden."

R.L. bedankt sich und überreicht das mit 5-Euro-Stücken gefüllte Sparschwein - und eine Nelke.

Mit einem höflich angedeutetem Knicks verabschiedet sich die Dame, deren Namen ich vergessen habe.

Der Beruf des nächsten Gastes ist schnell erraten: nach drei Fragen und nur einem 'Nein' hat der Ratefuchs die richtige Bezeichnung: Bauamtsleiter.
Die Sendung geht dem Ende zu.